Bern, 15. Oktober 2007 – Die Antarktis kann kommen: Evelyne Binsack hat die patagonische Pampa passiert und Punta Arenas erreicht.
Ende August wuchs Evelyne Binsacks Ungeduld allmählich ins Unermessliche. Vor Augen hatte sie Punta Arenas, das letzte Etappenziel vor dem Übersetzen auf die Antarktis: „Ich fühle mich wie ein Student, der eine Reihe an Prüfungen absolvieren muss. Ich hoffe, dass der immer wieder zu leistende Aufwand und Eifer bald ein Ende haben“, vertraute die Extremsportlerin ihrem Tagebuch an. Ihr Zeitgefühl geriet derweil ins Wanken: „Bin ich nun erst seit einer Woche oder schon seit ein paar Monaten in der Pampa Patagoniens?“, fragte sie sich, während sich die letzten beiden Wochen vor Punta Arenas wie ein überdimensionaler Ballon ausdehnten. Das Ziel rückte scheinbar in weite Ferne – obwohl jeder Tritt in die Pedale Evelyne Binsack ein Stück weiter brachte. Doch das merkte sie nicht. Die 40-Jährige fühlte sich einsam und isoliert. Trost spendete ihr eine Hündin namens Sombra. Sie schlossen Freundschaft. Sombra, was übersetzt „Schatten“ bedeutet, nimmt ihren Namen wörtlich. Die junge und wohl ernährte Sombra begleitete die Schweizerin auf einem Teil der Expedition Antarctica und musste am Ende dazu gezwungen werden, in einen Pick-Up einzusteigen, damit man sie zu ihrem Besitzer zurückbringen konnte. Im Niemandsland zwischen El Calafate und Puerto Natales machte Evelyne Binsack an dem Landgut „La Esperanza“ Halt. Der Name ist Programm: „Hoffnung“ ist das, was sie auf den letzten Kilometer nach Punta Arenas trug.
Von La Esperanza aus fuhr sie zunächst in Richtung Westen, passierte in Cerro Castillo die Grenze von Argentinien nach Chile und durchquerte den schönsten Nationalpark Südamerikas, den Parque Nacional Torres del Paine. Nach einem Abstecher zu den bekanntesten Granittürmen Chiles führte die Route weiter in die hübsche Hafenstadt Puerto Natales. Die letzten 250 Kilometer von Puerto Natales nach Punta Arenas genoss Evelyne Binsack bei schönstem Wetter. Ihr letztes Nachtlager vor dem so lang ersehnten Zwischenziel stellte sie am Ufer eines kleinen Sees auf. Enten schnatterten, die untergegangene Sonne hinterliess am Horizont ein orange-violettes Lichtspiel und die windstille, klare und eisige Nacht verdrängte den frühlingshaften Tag.
Am 16. September, nachmittags um 14 Uhr, hatte es Evelyne Binsack endlich geschafft: 381 Tage, 380 Nächte und über 22.000 geradelte Kilometer hatte die Extremsportlerin seit ihrem Aufbruch aus der Schweiz hinter sich gelassen. Punta Arenas, der Südzipfel Chiles und somit der Ausgangsort für den letzten, antarktischen Abschnitt der Expedition Antarctica, war erreicht: „Meine längste, schwierigste, lehrreichste und beeindruckendste Anreise zu einer Expedition!“
Evelyne Binsack