Betreuung von unbegleiteten und verwaisten Kindern
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| Bei der Aufnahme werden die Daten jedes einzelnen Kindes genau registriert - Foto: Louis Klamroth |
Am 17. Februar kamen 126 Kinder im SOS-Kinderdorf in Santo an, insgesamt sind es damit 287 Kinder, die bis jetzt aufgenommen werden konnten, täglich kommen Kinder dazu. Bei vielen dieser Kinder ist noch nicht geklärt, wer sich in Zukunft um sie kümmern wird, ob es Familienangehörige gibt, die die Obsorge übernehmen können, ob jemand aus ihrer Familie das Erdbeben überlebt hat. Bei einigen Kindern steht eindeutig fest, dass sie keine Verwandten mehr haben und sie durch die Katastrophe zu Vollwaisen geworden sind. Andere wiederum wurden von Angehörigen ins SOS-Kinderdorf gebracht, weil sie derzeit nicht in der Lage sind, unter den schlechten Bedingungen in den Zeltstätten ausreichend für die Kinder zu sorgen. In den SOS-Familien werden statt bis zu neun Kindern pro Familie 20 Kinder betreut - von jeweils einer SOS-Mutter und zwei Familienhelferinnen. Alle weiteren unbegleiteten Kinder, die in den kommenden Tagen und Wochen kommen, werden in stabilen kleinen Fertigteilhäusern untergebracht, die derzeit auf dem Fussballplatz des SOS-Kinderdorfes errichtet werden.
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| In riesigen Zeltlagern leben unzählige Kinder unter teils lebensbedrohlichen Bedingungen - Foto: Robert Gasteiger |
Die jüngst aufgenommenen Kinder - 62 Mädchen und 64 Buben - wurden in Notcamps registriert, wo sie unter teils lebensbedrohlichen Umständen leben mussten. Nicht alle dieser Kinder sind unbegleitet oder verwaist, aber alle brauchen dringend eine sichere, geschützte Umgebung und eine adäquate Versorgung. Allein von den 126 Neuankömmlingen mussten 25 im nahe gelegenen brasilianischen Krankenhaus medizinisch betreut werden, vielen Kinder werden auch psychotherapeutisch unterstützt. Bei ihren Besuchen in den Zeltlagern registrieren die SOS-Teams viele Kinder, die ernsthaft unterernährt und dehydriert sind, viele sind so schwer krank, dass befürchtet werden muss, dass sie sterben werden. Doch in einigen Viertel lehnen es die Gemeindeführer ab, Kinder in temporäre Betreuung zu geben, weil sie dadurch in ihren Gemeinden weniger Essens- und Wasserrationen bekommen würden. Mit jenen Kindern, die bereits vor dem Erdbeben im SOS-Kinderdorf in Santo in einem Aussenbezirk von Port-au-Prince gelebt haben, werden nun insgesamt 437 Kinder am Standort in Santo betreut.
Grundversorgung von bis zu 40.000 Kindern sicherstellen
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| An den Sammelstellen werden täglich warme Mahlzeiten an Kinder verteilt - Foto: Georg Willeit |
Vor dem Erdbeben hat SOS-Kinderdorf durch 16 so genannte Community Centres Familienhilfe geleistet. Diese Zentren bauen einerseits stark auf die Selbstorganisation und Selbsthilfe der Gemeinden und lokalen Gemeinschaften, andererseits steht SOS-Kinderdorf beratend und begleitend zur Seite und bietet zusätzlich über ein Sozialzentrum Hilfestellung für Familien. Nach dem Erdbeben hat sich die Anzahl dieser Zentren dramatisch erhöht, mittlerweile gibt es insgesamt 66 derartige Standorte, an denen täglich über 9'000 Kinder versorgt werden. Wenn das Nothilfeprogramm von SOS-Kinderdorf in den kommenden Wochen seinen vollen Umfang erreicht hat, werden es 266 Zentren für die Versorgung von rund 40'000 Kindern sein.
Jedes dieser Zentren verfügt über ein eigenes Komitee von bis zu sieben Personen, das als Ansprechpartner von SOS-Kinderdorf fungiert. Mit den Komitees wird ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen, der die Aufgaben beider Seiten regelt. SOS-Kinderdorf übernimmt die Versorgung mit Lebensmitteln, berät und unterstützt und vernetzt mit anderen Organisationen, zum Beispiel wenn medizinische Interventionen nötig sind. Das Komitee wiederum garantiert die zweckmässige Verwendung der angelieferten Lebensmittel, d.h. es muss sichergestellt sein, dass die Kinder täglich mit ausreichend Essen versorgt werden. Das Komitee organisiert eine Sammel- und Ausgabestelle sowie Kochgelegenheiten, führt genaue Listen mit den Daten aller Kinder (Name, Adresse, Alter, familiärer Status), sorgt für ordentliche hygienische Bedingungen und Sicherheit.
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| Die Kinder warten meistens schon ungeduldig auf die Essensausgabe - Foto: Georg Willeit |
Jeweils ein Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf ist für mehrere Zentren zuständig und sichert so den korrekten Ablauf der Hilfsaktionen. Täglich werden Zentren angefahren und mit Nahrungsmitteln für mehrere Tage beliefert. Die Gemeinde kommt zusammen und es wird gemeinsam gekocht und das Essen an die Kinder verteilt. Wenn SOS-Teams dabei sind, gibt es die Möglichkeit für individuelle Betreuung und Gespräche, und in Fällen, wo ein Kind medizinisch betreut werden muss, kümmert sich SOS-Kinderdorf darum. Durch diese Vernetzung und gemeinsame Verantwortung ist es auch möglich, Kinder zu identifizieren, die keine unmittelbare Betreuungsperson haben und/oder besonders hilfsbedürftig sind. Wenn notwendig, nimmt SOS-Kinderdorf solche Kinder in das temporäre Schutzprogramm in Santo auf.
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| Foto: Georg Willeit |
Bei vielen Besuchen in den Zentren wird anschliessend nach der Essensausgabe mit den Kindern gespielt, gesungen, getanzt. Auch an den Tagen, wenn die SOS-Teams nicht vor Ort sind, bleibt der Ablauf der gleiche. Dieses partizipative Konzept hat sich auch in der Vergangenheit und in vielen anderen Ländern bewährt. Gerade auch im Rahmen des Nothilfeprogramms in Haiti wird dadurch sichergestellt, dass die Hilfe direkt zum Kind kommt, dass Hilfsgüter nicht anderweitig verwendet werden und dass sich Gemeindestrukturen bilden und gemeinsam Verantwortung getragen wird. Mittel- und langfristig sollen die sozialen Leistungen noch erweitert und ausgebaut werden.
Wiederaufbau unter dem Aspekt der Kinderhilfe
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| In Port-au-Prince muss fast die gesamte Infrastruktur von Grund auf neu gebaut werden. Kinderschutz und Kinderförderung müssen dabei besonders beachtet werden - Foto: Georg Willeit |
Für die Zeit nach der akuten Nothilfe und der mittelfristigen Hilfe, die die Basisversorgung von Kindern garantieren soll (anberaumt für zwei Jahre), plant SOS-Kinderdorf ein umfassendes Wiederaufbauprogramm in einem Zeitraum von zehn bis zwölf Jahren. Schwerpunkte sollen sein: alternative familiennahe Betreuungsmodelle und Einrichtungen für Kinder ohne elterliche Fürsorge; Bau von Familienhäusern und Schaffung kinderfreundlicher Räume (Spielplätze u.a.); Bau und Inbetriebnahme von Schulen sowie Aufbau von Know-how im schulischen Sektor; Gesundheitszentren mit besonderem Schwerpunkt auf Mutter-Kind-Versorgung; Wissenstransfer und Schulungen im öffentlichen Sektor im Bereich Kinderrechte und Kinderschutz, Fördermaßnahmen für Kinder, Gesetzgebung unter Berücksichtigung von Kinderrechten.
Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Behörden
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| Fast täglich kommen Hilfslieferungen in Santo an - Foto: Georg Willeit |
Es gibt zahlreiche Kooperationen und gemeinsame Initiativen mit anderen Hilfsorganisationen (z.B. UNICEF und Rotes Kreuz) und den örtlichen Behörden. SOS-Kinderdorf nimmt auch regelmässig an den so genannten Clustermeetings der UN teil, wo alle großen Hilfsorganisationen ihre Aktionen untereinander abstimmen. SOS-Kinderdorf hat sowohl für die Versorgung der vielen Kinder im Dorf als auch für die Hilfsmaßnahmen an den vielen verschiedenen Standorten in den umliegenden Vierteln wiederholt Sachspenden von anderen Organisationen erhalten, von Wasser über medizinische Hilfe bis zu Zelten. Regelmässig kommen Lieferungen verschiedenster Hilfsgüter aus vielen Ländern nach Haiti, die von Firmen und Privatspendern grosszügig finanziert werden oder von SOS-Kinderdorf mit Spendengeldern angekauft werden können. Das größte Volumen bilden Lebensmittel und Wasser, aber auch Zelte, Medikamente, Decken, Matratzen, Hygieneartikel, Küchengeräte, Baumaterial usw.
SOS-Kinderdorf hat auch an einem grossen Treffen in Panama mit Vertretern von UNICEF, Save the Children, World Vision und Plan International teilgenommen, wo es vor allem um Fragen des Kinderschutzes und Maßnahmen zur Sicherung der Zukunft der Kinder von Haiti im Rahmen des Wiederaufbaus ging.