Bereits vor einer Woche geriet das SOS-Kinderdorf-Gelände im Norden der somalischen Hauptstadt zum wiederholten Mal unter Beschuss. Bei den schwersten Kämpfen in den vergangenen Monaten zwischen äthiopischen Truppen und Aufständischen schlugen auch in Gebäuden von SOS-Kinderdorf Geschosse ein. Drei Mitarbeiter erlitten Verletzungen, an der SOS-Krankenpflegeschule entstand erheblicher Schaden
(siehe Meldung vom 21. April 2008).
Nur ein paar Tage später kam es erneut zu gewaltsamen Übergriffen, dabei starb ein langjähriger Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf, drei Zivilpersonen wurden verletzt auf dem SOS-Kinderdorf-Gelände gefunden. Äthiopische Verbände, die die Regierung in ihrem Kampf gegen Aufständische unterstützen, drangen auch in die SOS-Klinik ein und plünderten Treibstoff- und Medikamentenvorräte.
SOS-Kinderdorf ist tief betroffen vom Tod eines seiner Mitarbeiter und verurteilt aufs Schärfste die seit Monaten andauernden Angriffe auf zivile Einrichtungen. SOS-Kinderdorf fordert den unbedingten Schutz der Zivilbevölkerung und Sicherheitsgarantien für soziale Hilfseinrichtungen, deren Arbeit unter den gegenwärtigen Bedingungen beinahe unmöglich ist.
Die SOS-Klinik ist seit vielen Jahren eine der wichtigsten medizinischen Anlaufstellen für tausende Menschen, vor allem für Mütter und Kinder. Die Patienten kommen nicht nur aus Mogadischu, sondern nehmen oft kilometerlange Märsche auf sich, um eine der wenigen Gesundheitseinrichtungen aufzusuchen, die in Mogadischu überhaupt noch funktionieren und medizinische Hilfe kostenlos anbieten.
Ende 2007 mussten sämtliche Einrichtungen von SOS-Kinderdorf evakuiert werden, bis heute konnten die SOS-Familien nicht in ihre Häuser zurückkehren, sondern leben in sicheren Stadtvierteln in provisorischen Unterkünften. Auch die Schule, der Kindergarten und die Krankenpflegeschule sind in Provisorien in der Nähe des Flughafens von Mogadischu untergebracht. Nur die SOS-Klinik nahm Mitte März wieder ihren Betrieb auf unter der Bedingung, die Situation genau zu beobachten und gegebenenfalls eine neuerliche Schliessung zu erwägen.
„Die Welt muss diese Kinder endlich hören!“
Interview mit Helmut Kutin, Präsident der SOS-Kinderdörfer - der soeben aus Mogadischu zurückgekommen ist
Herr Kutin, wie waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie in Mogadischu angekommen sind?
Unsere einheimischen Mitarbeiter haben mich sofort in ein Auto gesetzt, um mich in eine sichere Gegend zu bringen. Die kurze Fahrt zeigte die Wunden von 17 Jahren ununterbrochener Kampftätigkeit: Alles zerschossen, alles zerstört, verstörte Menschen, verstörte Kinder. Für mich war das einer der deprimierendsten Besuche in meinem ganzen Kinderdorfleben.
Wie geht es den SOS-Kinderdorf-Familien?
Nach einem Granatenangriff musste das Kinderdorf evakuiert werden. Mütter und Kinder wohnen in angemieteten Häusern in einem Stadtteil nahe des Flughafens, der im Moment zu den sichersten der Stadt zählt. Die Notsituation hat sie zusammengeschweisst, der Zusammenhalt ist enorm.
Sie haben die Familien aus dem Kinderdorf erstmals nicht im Dorf, sondern im Hotel getroffen. Was war das für eine Situation?
Hotel ist übertrieben, es war mehr eine Absteige, aber immerhin sicher. Wächter mit Maschinenpistolen bewachten den Eingang. Es war für mich ein unglaublich emotionaler Moment, den Blicken der Kinder und der Mütter zu begegnen, die all ihre Verletztheit widerspiegelten und gleichzeitig eine grosse Kraft. Und zu sehen, wie die SOS-Kinderdorf-Idee weitergelebt wird, wenn auch zur Zeit nicht im SOS-Kinderdorf, sondern in angemieteten Häusern in der Stadt Mogadischu.
Stand für die SOS-Kinderdörfer je zur Debatte, sich komplett aus Somalia zurückzuziehen?
Vor zehn Jahren waren wir nahe daran, das gesamte SOS-Kinderdorf an die Grenze zu Kenia umzusiedeln, haben uns dann aber dagegen entschieden. Aktuell haben die SOS-Mütter und der Dorfleiter, die die Situation besser kennen als wir alle, beschlossen, in Notunterkünften in Mogadischu zu bleiben, bis sie wieder ins Kinderdorf zurückkehren können.
Welchen Einfluss haben die SOS-Kinderdörfer in Somalia?
Das SOS-Kinderdorf in Mogadischu hat eine hervorragende Stellung, was die Betreuung von Waisenkindern angeht. Insbesondere das angeschlossene Krankenhaus war von grösster Bedeutung, denn es war eines der ganz wenigen, das insbesondere Kindern und Frauen geholfen hat. Das couragierte Eintreten unserer Mitarbeiter hat es ermöglicht, dieses nun wieder zu eröffnen. Täglich werden dort einige hundert Patienten betreut.
Wie kann man unter diesen Bedingungen ein Krankenhaus aufrecht erhalten?
Das geht nur mit grossem persönlichen Einsatz. Einer unserer leitenden Ärzte, ein Somali, hat seine Ausbildung in Italien gemacht und seine Praxis in England aufgebaut und vor vier Monaten beschlossen, für ein Jahr in Somalia seinen Landsleuten zu helfen. Er motiviert alle anderen Mitarbeiter. Die Medikamente bekommen wir über tägliche Flüge, die von Echo und anderen Organisationen durchgeführt werden.
Die SOS-Schule ist geschlossen, wie findet der Unterricht statt?
Die Kinder werden provisorisch in einer leer stehenden Fabrikhalle unterrichtet, in Klassenzimmern, die wir mit einfachen Brettern abgeteilt haben. Es gibt kaum Fahrmöglichkeiten dorthin, weshalb Lehrer und Kinder zum Teil Wege von zwei bis drei Stunden täglich auf sich nehmen. Es ist unglaublich. Für die Menschen ist dies aber auch ein Zeichen der Hoffnung, es passiert etwas.
Wie wird es in Somalia weitergehen?
Bei meinem Besuch haben die Kinder ein Lied gesungen, das ein 18-jähriger Student komponiert hat, der selbst durch Schüsse schwerstverletzt wurde und nun auf Krücken gestützt den Chor geleitet hat. „Wir möchten keinen Krieg, wir möchten keinen Hunger, aber niemand hört uns“, lautet eine Zeile. Die Welt muss diese Kinder endlich hören, damit etwas passiert!