Wiederaufbau in Haiti: "Es geht nur Schritt für Schritt voran" 

07/01/2011 - Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti: Der Wiederaufbau kommt nur langsam voran. Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen die Helfer? Dies erklärt Georg Willeit, SOS-Projektkoordinator in Haiti, im Interview.

Packt mit an: SOS-Projektkoordinator Georg Willeit bei der Essensausgabe in einem Gemeindezentrum in Haiti - Foto: Toni Keppeler
Haiti liegt nach wie vor in Trümmern. Was hat sich im vergangenen Jahr eigentlich getan?
Die Grundversorgung der am stärksten betroffenen Menschen konnte sichergestellt werden. Die Menschen haben zu essen und sind medizinisch versorgt, Schulen haben wieder geöffnet. Ausserdem wurden viele zerstörte Bauwerke abgetragen und abgerissen. Allerdings ist es völlig inakzeptabel, dass weiterhin über eine Million Menschen in Lagern und im Vertrauen auf externe Hilfe leben müssen. Die Unzufriedenheit und die Frustration der Einheimischen wachsen.

Warum kommt der Wiederaufbau - trotz der vielen Spenden - so schleppend voran?
Haiti war schon vor der Katastrophe das ärmste Land der westlichen Welt, mit schlecht bis gar nicht funktionierenden staatlichen Strukturen und immensen sozialen Problemen. Mit dem Beben ist der haitianische Staat praktisch zusammengebrochen. Alle nationalen Behörden haben ihren Sitz in Port-au-Prince und wurden weitgehend zerstört. Viele Beamte kamen ums Leben, zusammen mit Tausenden von Lehrern und medizinischem Personal. Einheimische Fachkräfte müssen erst ausgebildet werden, damit sich das Land selbst helfen kann.

Kinder in einem Zelt-Camp in Haiti: Nach wie vor leben in Haiti über eine Million Menschen in Lagern - Foto: Line Wolf Nielsen
Was tut die haitianische Regierung?
Derzeit werden viele wichtige Fragen von der Regierung nicht entschieden. Eine der grundlegenden Voraussetzungen für einen Wiederaufbau-Masterplan ist jedoch eine funktionierende Regierung, die gemeinsam mit der UN, der internationalen Gemeinschaft, den zuständigen Behörden, internationalen und lokalen Hilfsorganisationen und durch die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger von Haiti den Wiederaufbau koordinieren und vorantreiben kann.
Die Wahlen vom November 2010, deren Ergebnisse erst im Februar 2011 feststehen werden, sowie die gewaltsamen Unruhen verursachen grosse Unsicherheit.

Ganz konkret: Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Hilfsorganisationen beim Wiederaufbau?
Für Hilfsorganisationen ist der Bau von dauerhaften Gebäuden sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Das Ministerium für Infrastruktur hat den Bau von dauerhaften Gebäuden bis zur Verabschiedung von Leitlinien zum erdbebensichern Bauen untersagt. Ein weiteres Problem ist, dass es kein allgemeines Grundbuch gibt und damit die Eigentümerfrage nicht zu klären ist. Viele Hilfsorganisationen wurden auch in den letzten Wochen gezwungen, ihre Anstrengungen auf die Bekämpfung des Cholera-Ausbruchs statt auf den Wiederaufbau zu konzentrieren. Insgesamt haben alle das Ausmass der Katastrophe und die schlechten Startbedingungen für die Hilfsmassnahmen unterschätzt. Es geht langsam und nur Schritt für Schritt vorwärts.

Ist Korruption ein Problem?
Die SOS-Kinderdörfer sind seit 30 Jahren in Haiti aktiv. Wir haben uns stets, auch in sehr schwierigen Zeiten, kompromisslos gegenüber Bestechung und politischen Interventionsversuchen gezeigt. Wir geben keine Gelder an Dritte weiter, sondern setzen Projekte selbst um.

Arbeiter errichten auf dem SOS-Gelände in Santo Unterkünfte: Dort werden unbegleitete und elternlose Kinder wohnen, die im SOS-K
Arbeiter errichten auf dem SOS-Gelände in Santo Unterkünfte: Dort werden unbegleitete und elternlose Kinder wohnen, die im SOS-Kinderdorf Schutz und Betreuung finden - Foto: Christian Martinelli
Warum beginnt SOS erst jetzt mit dem Bau einer Container-Schule?
Unsere bisherige Hilfe galt der Nothilfe: der Versorgung von zeitweise bis zu 24'000 Kindern mit Essen sowie dem Schutz und der Betreuung von unbegleiteten Kindern. Jetzt starten wir verstärkt die Phase des Wiederaufbaus. Wo wir nicht auf Regierungs- und Behördenentscheide angewiesen sind, wollen wir ab Anfang 2011 erste neue Projekte umsetzen, so wie den Bau einer Container-Schule auf dem SOS-Gelände in Santo bei Port-au-Prince. Für den Bau der Schule wollten wir zunächst ein Abkommen mit Regierung schliessen, was leider bislang nicht zu erzielen war. Wir nehmen daher das Heft jetzt selbst in die Hand.

Ist das Kinderdorf-Gelände in Santo ein guter Standort? Dort gibt es ja schon eine SOS-Schule…
Die bestehende SOS-Schule im Santo ist seit dem Beben völlig überfüllt, die Klassen mussten zum Teil auf Zelte ausweichen. Bedarf ist also mehr als genug vorhanden. Auf diesem Gelände ist auch die Eigentumsfrage unstrittig und wir können daher zügig starten. Zu Beginn des nächsten Schuljahres im Herbst soll die Schule in Betrieb gehen.

Unterricht im Zelt: Eine Klasse auf dem SOS-Gelände in Santo. Auf dem Areal werden die SOS-Kinderdörfer jetzt eine Container-Sch
Unterricht im Zelt: Eine Klasse auf dem SOS-Gelände in Santo. Auf dem Areal werden die SOS-Kinderdörfer jetzt eine Container-Schule errichten - Foto: Sophie Preisch
Heizen sich die Container nicht extrem auf, z.B. wie ein Auto, das in der Sonne steht?
Wir bauen mehrstöckig und sorgen für Beschattung und eine gute Luftzirkulation zwischen Sonnendach und Gebäudedach. So geben wir der Luft die Chance nach oben zu entweichen. Die Gebäude werden zusätzlich wärmegedämmt.

Warum warten die SOS-Kinderdörfer auf ein Abkommen mit dem haitianischen Bildungsministerium?
Das Abkommen bleibt weiter ein zentrales Anliegen, denn wir wollen allein in den nächsten drei Jahren drei Schulen errichten, weitere sollen folgen. Dazu braucht es aber klare Vereinbarungen. Durch das Abkommen mit der Regierung wollen wir ausserdem das öffentliche Schulsystem stärken, z.B. durch Qualitätsstandards und Lehrerausbildung.

Wie lange wird das SOS-Hilfsprogramm noch laufen?
Unser Wiederaufbauprogramm ist auf zehn Jahre angelegt. Dies scheint angesichts der herrschenden Verhältnisse und der Tatsache, dass noch kein systematischer Wiederaufbau begonnen hat, realistisch. Neben dem Bau von öffentlichen Schulen planen wir den Bau mindestens eines neuen SOS-Kinderdorfs in Haiti.

Hat es Sinn, noch für Haiti zu spenden?
Der Wiederaufbau in Haiti steht erst am Anfang. Um flexibel helfen zu können, bitten die SOS-Kinderdörfer nach wie vor um Spenden um die Hilfsmassnahmen in Haiti zu finanzieren.

Unterstützen Sie die SOS-Nothilfe in Haiti

Jede Spende hilft: Unterstützen Sie den Wiederaufbau in Haiti. Bitte helfen Sie  mit einer Überweisung direkt online oder mit dem Vermerk "Wiederaufbau Haiti" auf das Konto PC 30-31935-2. Herzlichen Dank.

Tell a friend
Schriftgrösse:
Size 1 Size 2 Size 3