
In einer Zeit, in der
die Krise allgegenwärtig zu sein scheint, ein Jubiläum zu begehen, ist eine Herausforderung. Ich bin aber davon überzeugt, dass es gerade heute wichtig ist zu fragen, was SOS-Kinderdorf in den vergangenen sechs Jahrzehnten leisten konnte, was wir jetzt tun können und worauf wir auch in Zukunft nicht vergessen dürfen.
Im Gründungsjahr 1949 war die Not nicht kleiner, im Gegenteil. Die Verelendung, die materiellen und seelischen Zerstörungen und die Zahl der bedürftigen und verlorenen Kinder waren besonders in Europa enorm. Auf diese hoffnungslos erscheinenden Verhältnisse versuchte Hermann Gmeiner mit dem SOS-Kinderdorf eine hoffnungsvolle Antwort zu geben. Es passierte Erstaunliches. Menschen, die selbst oft nur wenig zum Leben hatten, machten das Schicksal von Kindern zu ihrem persönlichen Anliegen - mit kleinen Spenden, die eine grosse Wirkung taten. Wo es also oft ums blosse Überleben ging, übernahm man gemeinsam Verantwortung für die Schwächsten. Und die heutige Krise macht uns wieder einmal eindringlich klar, dass es nicht der materielle Reichtum, sondern das Wachstum von Menschlichkeit und Mitgefühl ist, um das wir uns letztlich bemühen sollten.
Gmeiner und jene Menschen, die damals mithalfen, handelten aus einem tiefen persönlichen Bedürfnis nach Friedens- und Sinnstiftung nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs. Und nichts anderes macht Sinn, damals wie heute: miteinander für eine friedlichere, gerechtere Welt einzustehen, nicht aufzuhören, an eine Veränderung zu glauben, ohne die bedrückenden und oft unerträglichen Verhältnisse schön zu reden, unter denen Millionen Kinder nach wie vor leiden. Wir müssen aber unsere Kraft auf das setzen, was wir verändern können! Die vergangenen Jahrzehnte haben uns das gelehrt.
SOS-Kinderdorf wurde Jahr um Jahr grösser - von einem SOS-Kinderdorf im Jahr 1949 zu 500 SOS-Kinderdörfern im Jahr 2009! Von einer Handvoll Kinder, die im österreichischen Imst ein Zuhause gefunden haben, zu hunderttausenden Kindern und Familien, denen wir durch unsere Einrichtungen und Programme helfen. Von ein paar hundert Spenden und Patenschaften zu sechs Millionen Menschen, die SOS-Kinderdorf finanziell und ideell unterstützen! Das ist ein wunderbarer Erfolg, über den wir uns gemeinsam mit unseren Kindern, Müttern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Freunden und Förderern freuen.
Die Arbeit von SOS-Kinderdorf wurde ebenfalls Jahr um Jahr ausgereifter und umfassender. Mit dem zahlenmäßigen Wachstum gab es ein "inneres Wachsen", um den Bedürfnissen der Kinder besser gerecht zu werden. Das SOS-Kinderdorf betreut mittlerweile nicht nur Kinder, die ohne ihre leibliche Familie aufwachsen müssen. Dasselbe Gewicht hat inzwischen die Unterstützung von Kindern, die zwar noch mit ihrer eigenen Familie leben, aber unter schwierigen Bedingungen und deshalb in dem Risiko, verlassen zu werden. Beides, die inner- und die außerfamiliäre Betreuung, gehen Hand in Hand und haben zum Ziel, Kindern ein schützendes Zuhause zu sichern.
Einen Rückgang würden wir uns beim Bedarf unserer Hilfe wünschen. Doch der ist traurigerweise unverändert hoch. Wir dürfen deshalb nicht aufhören, alles uns Menschenmögliche zu tun, was zum Wohl von Kindern getan werden kann. Wir können nicht hinnehmen, dass Kinder alleine gelassen, misshandelt und missbraucht werden, dass Kinder keine Chance haben, sich gesund zu entwickeln und eine Schule zu besuchen, dass es Kinder gibt, die niemand hört und sieht.
Das ist der Auftrag von Hermann Gmeiners SOS-Kinderdorf seit 60 Jahren: wahrnehmen, was Kinder brauchen, hinhören, was Kinder sagen, einen schützenden Rahmen bilden, damit Kinder gesunden können und sich entfalten, handeln, wo es notwendig ist, und sich freuen über grosse und kleine Wunder, die wir bewirken können. In diesem Sinne begehen wir die sechs vergangenen Jahrzehnte im Kreise einer grossen Familie und verpflichten uns auch in Zukunft der Vision: für jedes Kind ein liebevolles Zuhause.