"Ich bin stolz, SOS-Kinderdorf-Mutter zu sein" 

Weltweit gibt es über 5000 SOS-Kinderdorf-Mütter welche liebevoll die ihnen anvertrauten Kindern grossziehen. Eine von ihnen ist Nancy Gicheru aus Kenia, welche alle "Mama Faith" nennen. Faith war das erste Kind in ihrer SOS-Kinderdorf-Familie, und in Kenia ist es üblich, dass SOS-Kinderdor-Mütter den Namen des ersten Kindes annehmen. Zwölf Kinder leben heute in Mama Faiths Obhut. Kein Wunder, dass sie ständig beschäftigt und der Haushalt straff durchorganisiert ist.

Familie hat für Nancy Gicheru einen hohen Stellenwert: Abwasch mit zwei ihrer Töchter im SOS-Familienhaus.
Familie hat für Nancy Gicheru einen hohen Stellenwert: Abwasch mit zwei ihrer Töchter im SOS-Familienhaus.
«Das Leben einer SOS-Kinderdorf-Mutter ist nicht einfach, weil man sein Leben den Kindern widmet. So vieles hängt von dir ab, denn du bist die Hauptstütze im Haus», sagt Nancy Gicheru. Als SOS-Kinderdor-Mutter müsse man sich organisieren können. Die Kinder brauchten sie, sie könnten nichts alleine machen. «Die Tatsache, dass sie ihre Eltern verloren haben, hinterlässt Spuren. Die Kinder brauchen Zeit, um sich zu erholen. Es braucht eine Weile, bis das Kind sich öffnet, bis man lernt, das Kind zu lieben, und bis das Kind lernt, dich zu lieben», führt die 50-Jährige aus.

Laut Nancy ist eine SOS-Kinderdorf-Mutter auch eine Lehrerin: Ein Kind wisse vor seinem Leben in einem SOS-Kinderdorf oft nicht, dass es eine Küche und ein Wohnzimmer gebe. «Sie kommen in eine neue Welt, und ich bin ihre Lehrerin.»

Nancy zusammen mit all ihren Kindern im Wohnzimmer.
Nancy zusammen mit all ihren Kindern im Wohnzimmer.
«Wenn ich die Kinder sehe und meine Herkunft bedenke, bin ich stolz, eine SOS-Kinderdorf-Mutter zu sein und mich um Kinder zu sorgen, die nicht meine eigenen sind», sagt Nancy. Wenn sie Freunde von ausserhalb besuche und sehe, mit welchen Schwierigkeiten diese in ihren Familien fertig werden müssten, schätze sie ihren Beruf und ihre Familie sehr. «Wir haben hier im SOS-Kinderdorf nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch genügend Geld für Kleidung, Essen und Ausbildung.» Viele Frauen oder Ehepaare mit zwei bis drei Kindern müssten um alles kämpfen.

Knacknuss Pubertät

Schwierig ist gemäss Nancy für viele Eltern auch die Zeit, wenn ihr Kind zum Teenager heranwächst. Da gebe es oft Ärger in der Familie. Die Jugendlichen würden von den Eltern angeschrien und manchmal sogar von zu Hause verstossen. «Die Eltern wissen oft nichts über die besonderen Probleme in dieser Entwicklungsphase. Als SOS-Kinderdor-Mutter hatte ich die Möglichkeit zu lernen, dass es so etwas wie Pubertät gibt. Ich bin darauf vorbereitet.»

Zuwenig Geld für die Schule

Nancy wuchs zusammen mit drei Schwestern und drei Brüdern sowie den acht Kindern der Zweitfrau ihres Vaters auf dem Land auf. Ihre Eltern besassen viele Schafe und galten als reich. Trotzdem konnten nicht alle Kinder die Schule besuchen, da nicht genügend Geld vorhanden war. Daher entschlossen sich die Eltern, den ältesten Sohn eine Ausbildung zum Buchhalter machen zu lassen.

Dieser ermöglichte mit seinem Gehalt seinem zweiten Bruder eine Ausbildung zum Lehrer. Beide Brüder ernteten in ihren Ferien auf den grossen Feldern Mais und halfen mit dem Geld, das sie verdienten, ihren Geschwistern und Eltern, so dass schliesslich alle die Schule besuchen konnten. «Ich ging mit zehn Jahren in den Kindergarten und besuchte die Schule, bis ich 23-jährig war», erzählt Nancy.

Als sie zur Schule ging, wollte sie Krankenschwester oder Lehrerin werden, da sie schon immer ein Herz für Kinder hatte. Als Nancy sich später bei SOS-Kinderdorf bewarb, wusste sie nicht, worauf sie sich einliess. Als sie beim Vorstellungsgespräch erfuhr, welche Kinder SOS-Kinderdorf aufnimmt, sagte sie begeistert: «Das ist die richtige Aufgabe für mich. Ich habe keine anderen Wünsche mehr.»

Als ihre erste Tochter Faith, sowie deren Bruder und Schwester ins SOS-Kinderdorf kamen, dachte Nancy: «Oh Gott, das sind die Kinder, die zu uns kommen!» Wenn man nur die Geschichten höre, mache man sich keine grossen Gedanken, bis zu dem Moment, wo man die Kinder sehe, erklärt sie.

Faith war sehr krank, als sie ins SOS-Kinderdorf kam. Nancy verbrachte die Nacht mit dem kleinen Mädchen in ihrem eigenen Bett. «Sie war so klein, und wir mussten ihr Medikamente geben. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil ich überzeugt war, dass sie die Nacht nicht überleben wird», erinnert sich Nancy. Doch mit viel Liebe, Geduld und medizinischer Betreuung wurde Faith gesund und wuchs zu einem intelligenten, offenen Mädchen heran. «Faith möchte Lehrerin werden und ich glaube, sie wird es schaffen», sagt Mama Faith stolz.

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