Im September 1993 wurde der zentralindische Bundesstaat Maharashtra von einer furchtbaren Erdbebenkatastrophe heimgesucht. Dutzende Dörfer wurden in Sekundenschnelle dem Erdboden gleichgemacht. Zahlreiche Kinder wurden in dieser Region dadurch zu Halb- oder Vollwaisen. SOS-Kinderdorf International war innerhalb weniger Tage zur Stelle und begann sofort mit einem Notprogramm für einen Teil der betroffenen Kinder. Die Kinder wurden zuerst in angemieteten Häusern untergebracht. Bereits ein Jahr später stand ein neues SOS-Kinderdorf im Norden der Stadt Latur, die sich im Zentrum des Erdbebens befunden hatte.
Das SOS-Kinderdorf Latur besteht aus zwölf Familienhäusern, Mitarbeiterunterkünften, einer Mehrzweckhalle und den notwendigen Verwaltungsgebäuden. Es verfügt über einen SOS-Kindergarten, der auch den Kindern aus der Nachbarschaft offen steht. 1997 wurde in Latur eine SOS-Jugendeinrichtung eröffnet. Die Übersiedlung von Jugendlichen in eine Jugendwohneinrichtung geht meist mit dem Beginn einer Berufsausbildung oder dem Wechsel an eine höhere Schule einher. In dieser neuen Umgebung entwickeln die Jugendlichen, begleitet von qualifizierten Betreuern, realistische Zukunftsperspektiven, übernehmen mehr Verantwortung und treffen zunehmend eigene Entscheidungen. Gefördert werden Teamgeist und Kontakte zu Verwandten und Freunden, aber auch zu Behörden und möglichen Arbeitgebern.
Im SOS-Sozialzentrum werden die Bewohner der Umgebung medizinisch beraten und betreut. Außerdem werden Kinder werktätiger Mütter tagsüber betreut und erhalten zu Mittag eine Mahlzeit. Da die Mütter unbedingt arbeiten müssen, um für ihre Kinder sorgen zu können, ist für sie eine Betreuung ihrer Kinder während des Tages äußerst wichtig. In der Krankenstation des SOS-Kinderdorfes werden auch Menschen aus der Umgebung behandelt.
2003 startete SOS-Kinderdorf Indien seine Familienstärkungsprogramme in Latur. Mit Hilfe dieser Programme soll verhindert werden, dass Familien ihre Kinder verlassen. Um dies zu erreichen, arbeitet SOS-Kinderdorf direkt mit den Familien und den jeweiligen Gemeinden und unterstützt diese darin, bestmöglich für die Kinder zu sorgen. Organisiert wird die Präventionsarbeit gemeinsam mit lokalen Behörden und anderen Partnern. Das Familienstärkungsprogramm in Latur bietet Beratung und Unterstützung in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Bildung. Verschiedene Ausbildungen werden angeboten, die Menschen werden bei der Berufswahl beraten und bei der Arbeitssuche unterstützt. Man hilft den Familien, mit bereits bestehenden Selbsthilfegruppen Kontakt aufzunehmen. Wenn keine passende Gruppe existiert, wird eine neue gegründet. Neben Erziehungsberatung finden auch Aktivitäten statt, um Hygiene und Kinderrechte im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern.