«Wir Mädchen machen es besser»

In patriarchalen Gesellschaften wie Äthiopien sind Mädchen und Frauen benachteiligt. Traditionelle Rollenbilder verunmöglichen ihnen, eine aktive Position in der Gesellschaft einzunehmen. Förderung von Mädchen ist hier besonders wichtig.

Sporthosen, Sandalen, farbige T-Shirts: Die Ratsmitglieder des Ministeriums für Hygiene und Sauberkeit sind leger gekleidet. Ihren Lagebericht über die Aktivitäten der letzten Wochen verliest die Vorsitzende in blauen, offenen Pantoffeln. Was nicht im Geringsten die Wichtigkeit der Versammlung schmälert: Über den Bericht wird lebhaft debattiert. Vorschläge

werden eingebracht, Verbesserungen vorgeschlagen. Alle kommen zu Wort. Nachdem über die Neuerungen abgestimmt ist, gehen die Ratsmitglieder nach draussen. Zum Spielen.

Es ist Montagabend im SOS-Kinderdorf Jimma in Äthiopien. Die Sitzung des Kinderparlaments ist vorbei. Keren, die zehnjährige Ministeriumsvorsitzende stellt sich – trotz der lockenden Rufe ihrer Ratskollegen zum gemeinsamen Ballspiel – noch den Pressefragen:«Unser Ministerium kümmert sich darum, ob es in unserem Kinderdorf sauber ist. Wir schauen auch, dass alle Pflanzen und Gärten gepflegt sind. Und dass kein Abfall herumliegt.»

Keren glaubt, dass Mädchen gute Anführerinnen sind: «Im Kinderparlament unseres SOS-Kinderdorfs gibt es sechs Ministerien. Vier davon sind von Mädchen geführt.» Die Mädchen seien organisierter als die beiden Kollegen und würden die Pflichten besser erledigen. Deshalb habe sie bei ihrer Wahl ihre drei Mitbewerber ausgestochen. Zu dieser Aussage lächelt Keren verschmitzt und läuft dann zum Spielen.

Grosses Potenzial

«Im SOS-Kinderdorf ermutigen wir die Mädchen, sich für jede Rolle zu interessieren. Ganz besonders für Führungsrollen», erklärt anschliessend Mulualem Gurmessa, der Direktor des Kinderdorfs. Im Gegensatz dazu übernähmen äthiopische Frauen in der Gesellschaft diese Positionen noch kaum, üblicherweise bleiben diese Männern vorenthalten. Frauen sind in Wirtschaft, Politik oder Kultur, untervertreten. Trotz Verbots drängen traditionelle Praktiken wie Mädchenbeschneidung und Frühverheiratung die Frauen gegenüber den Männern in untergeordnete Positionen. Die Möglichkeit, sich in der Gesellschaft ihres Landes einzubringen, bleibt ihnen verwehrt. Von den 142 Ländern im Index der Geschlechterungleichheit nimmt Äthiopien den 127. Rang ein.

«Über die falsche Meinung, dass Frauen nur in den Haushalt gehören, klären wir unsere Kinder auf», fährt Direktor Gurmessa weiter. «Wir reden mit ihnen offen über die existierenden geschlechterspezifischen Klischees, die Frauen und Mädchen besonders schutzlos gegenüber Gewalt und Diskriminierung machen. »Davon, dass gleiche Chancen für Mädchen und Jungen die Entwicklung Äthiopiens steigern wird, ist der Direktor überzeugt. Deshalb lernen die Mädchen hier im SOS-Kinderdorf, ihr Potenzial zu erkennen und einzusetzen. Somit entwickeln sie Träume und stecken sich Ziele. Wie Keren, die mit dem Ball vorbeiläuft und ruft: «Vielleicht werde ich einmal die erste Präsidentin von Äthiopien?»

Hausarbeit ist nicht nur Frauensache

«Seit ich im Kinderdorf bin, helfe ich meiner SOS-Mama im Haushalt. Ich lernte Putzen, Abwaschen und Jäten. Auch mache ich mein Bett selbst, räume auf und halte die Kleider in meinen Schrank in Ordnung. Als ich älter wurde, begann ich Kaffee zu kochen. Und Shiro, ein Curry aus Kichererbsen, das wir immer essen. Beides bereiten sonst nur Mädchen zu, aber ich mache das besonders gerne.»

Aman, 10 Jahre

Gleich behandeln und nicht diskriminieren

Nicht nur Mädchen, sondern auch gleichgeschlechtlich empfindende, bi- und transsexuelle Kinder leiden oft unter Ausgrenzung. Ganz besonders in afrikanischen Ländern, wo ihre Neigung tabuisiert und oft noch gesetzlich verboten ist. Deshalb agiert SOS-Kinderdorf dort sorgfältig und sensibilisiert mit Aufklärung SOS-Mütter und Mitarbeitende. SOS-Kinderdorf schützt alle Kinder: ungeachtet von Kultur, Glauben, Geschlecht oder sexueller Orientierung.

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