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18.10.2021 Aktuelles Alle SOS-Kinderdorf Schweiz Schweiz Zeit ist wertvoll

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Unsere SOS-Kinderdorf-Botschafter Michèle und Manuel Burkart wissen als Eltern nur zu gut, wie wichtig es ist, Kindern Aufmerksamkeit, Zeit und Verständnis zu widmen. In ihrem Beitrag schreiben sie, wie sie mit Überforderung umgehen und wie man es im hektischen Familienalltag schafft, Geduld zu haben und zuzuhören.  

Was versteht ihr unter Vernachlässigung? 

Vernachlässigung ist ein weiter Begriff und muss aus unserer Sicht stets abgesondert betrachtet werden. Es gibt verschiedene Formen von Vernachlässigung: physische, emotionale, aber auch Wohlstandsvernachlässigung. In der Schweiz ist der Massstab bezüglich physischer Vernachlässigung sicher ein anderer als in ärmeren Ländern. Dennoch gibt es auch in der Schweiz Kinder für welche physisch schlecht gesorgt wird; die zu wenig zu essen bekommen oder sich ausschliesslich von einseitigem und ungesundem Essen ernähren müssen, da es niemand für sie zubereitet. Ein weiteres Feld ist die emotionale Vernachlässigung. Kinder, die zu wenig oder gar keine Liebe, Zuneigung und Schutz bekommen. Kinder, deren Eltern zum Beispiel psychisch krank sind und deshalb nicht in der Lage sind, ihren Kindern notwendige Bedürfnisse zu erfüllen. In der Schweiz ist sicher auch die Wohlstandsvernachlässigung ein Thema, wenn Kinder allzu oft mit elektronischen Geräten ruhiggestellt werden, damit sich die Erwachsenen ihren eigenen Beschäftigungen widmen können und sie sich nicht mit ihren Kindern auseinandersetzen müssen.   

Kindesvernachlässigung – gibt es das in der reichen Schweiz überhaupt?   

Wie schon in der vorherigen Frage ausgeführt, gibt es auch in der Schweiz vernachlässigte Kinder.  Die Schwierigkeit ist doch immer das Erkennen von Vernachlässigung bei Kindern. Und dann die Frage, ob und wie man reagieren soll.   

Gab es auch schon Momente, in denen ihr euch als Eltern überfordert gefühlt habt?   

Wir sind überzeugt, dass alle Eltern im Laufe ihres Elternseins an Grenzen stossen. Sei dies physischer Natur, zum Beispiel in Folge von Schlafmangel bei kleinen oder auch bei kranken Kindern, oder auch im direkten Umgang mit den Kindern, wenn diese eben genau ihre Grenzen kennenlernen und testen wollen. Das ist etwas Normales und gehört zum Elternsein dazu.   

Wie geht ihr mit Überforderung um? Wie schafft ihr es, ruhig zu bleiben?   

Wir finden wichtig, dass man sich die Überforderung erst mal eingesteht und bewusst wird. Letztlich ist dies etwas Normales und Natürliches, wofür man kein schlechtes Gewissen haben muss. Wir bemühen uns dann, ruhig zu bleiben und Lösungen zu suchen. Aber natürlich gelingt dies auch uns nicht immer. Michèle geht dann oft mit dem Hund spazieren und bekommt so wieder etwas Abstand. Manuel macht dann jeweils Musik oder zieht sich anderweitig zurück. Kleine Energieinseln und kurze Timeouts helfen hier sehr.   

Hilft es in solchen Situationen einen Komiker als Ehemann oder eine Pädagogin als Frau zu haben?   

Zu Hause sind wir in erster Linie Eltern. Für die Kinder ist Manuel ihr Vater und nicht ein Komiker. Und Michèle ist für die Kinder ihre Mutter und nicht Pädagogin. Unsere Berufe haben wir, weil wir dort unsere eigenen Stärken erkennen. Das heisst Manuel kann auch Probleme immer wieder gut mit Humor angehen und manchmal später sogar in Programme einfliessen lassen, wie das bei «Sabbatical» (aktuelle Divertimento-Show) der Fall war. Michèle hilft ihre grosse Erfahrung aus dem Beruf natürlich auch zu Hause. Sie ist in der Lage, das Verhalten der Kinder richtig einzuordnen und findet dadurch immer wieder kreative Lösungen. Zudem ist sie sehr konsequent.   

Fernseher und Smartphone sind oft einfache Ablenkungsmanöver für quengelnde Kinder und überforderte Eltern. Wie verhindert ihr, dass eure Kinder zu viel fernsehen oder am Smartphone hängen?   

Wir leben auf dem Land mit einem grossen Garten, vielen Haustieren und genügend anderen Beschäftigungsmöglichkeiten für die Kinder. Zudem sind unsere Kinder in einem Alter, in dem dies noch nicht ein ganz so grosses Thema ist. Je älter die Kinder sind, desto präsenter werden elektronische Geräte. Wir bemühen uns, uns selbst mit den Kindern auseinanderzusetzen, etwas mit ihnen zu unternehmen, raus in die Natur zu gehen. Zudem verabreden sie sich oft mit anderen Kindern, was wir sehr unterstützen. Wir haben beide grosse Familien mit vielen Cousins und Cousinen, die wir auch oft treffen. Uns ist ein bewusster Umgang mit dem Fernseher oder dem Smartphone wichtig. Bei uns sind Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag unsere «Fernseh-Tage». An den anderen Tagen gibt’s keine «Bildschirmzeit». Das kennen unsere Kinder seit Jahren so. Trotzdem, sie fragen fast täglich nach «fernsehluegä».   

Das Gegenteil von Vernachlässigung ist Überbehütung und ebenfalls schädlich für die Kindsentwicklung. Was sollen Kinder allein ausprobieren dürfen?   

Es ist wichtig anzuerkennen, dass die Kinder eigenständige und zunehmend auch unabhängige Personen mit eigenen Bedürfnissen sind, eigenen Freundinnen und Freunden und eigenen Vorstellungen vom Leben inklusive eigenen Wünschen. Kinder zu haben, bedeutet also auch immer sie loszulassen. Unsere Kinder sind zunehmend in einem Alter, in dem sie auch mal auswärts übernachten und eher allein mit Freundinnen und Freunden etwas unternehmen. Wir glauben aber, dass das Anerkennen der Eigenständigkeit bereits dazu führt, dass wir sie – wenn manchmal vielleicht auch etwas schwereren Herzens – auch allein Dinge ausprobieren lassen. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen können. Wir unterstützen sie dabei! 

 

Inhaltsverantwortliche:

Nicole Hardegger

Als Verantwortliche Digitale Kommunikation möchte ich Kindern und Jugendlichen weltweit eine Stimme geben.

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