Aufgeben ist keine Option

24/02/2017 – Seit sechs Jahren tobt in Syrien ein brutaler Bürgerkrieg. Trotzdem setzen die Menschen Hoffnung in Frieden und den Aufbau des Landes. Ein Interview mit Alia Al-Dalli, Leiterin von SOS-Kinderdorf in Nahost, über die aktuelle Situation der Menschen in Syrien.

Alia Al-Dalli, Leiterin von SOS-Kinderdorf in Nahost, im Gespräch über die Lage in Syrien.

Frau Al-Dalli, wie würden Sie die humanitäre Situation in Syrien im Moment beschreiben?

Alia Al-Dalli: Seit der Waffenruhe in Aleppo hat sich die Lage etwas verbessert. Aber noch immer ist für 13,5 Millionen Menschen in Syrien jeder Tag ein Überlebenskampf, weil es ihnen an Nahrung, Medikamenten, sauberem Wasser und warmer Kleidung mangelt. Fast die Hälfte davon sind Kinder, die nichts anderes kennen als Krieg, Verlust und Angst. Es ist unglaublich wichtig, diese Kinder nicht zu vergessen.

Immer wieder wird von einer "verlorenen Generation" gesprochen?

Vier Millionen syrische Kinder sind mitten im Krieg geboren. Millionen weitere sind von dieser Kriegszeit geprägt. Der Ausnahmezustand ist für sie zur Regel geworden. Viele haben keinen Schutz mehr, haben den Zugang zu Bildung verloren, oder mussten zusehen, wie Eltern, Geschwister oder Freunde gewaltsam starben. Ohne Aussicht und Hoffnung auf Bildung, wachsen diese Kinder zu einer verlorenen Generation heran, anfällig für Gewalt, Depressionen und den Einfluss von Extremisten. Für psychologische Betreuung und Schulbildung zu sorgen, halten wir deshalb für die grösste Herausforderung für die Zukunft.

Was können Hilfsorganisationen wie SOS-Kinderdorf erreichen?


In den Nothilfe-Kitas können Kinder die Schrecken des Krieges für einen Moment vergessen.

Dank dem mutigen Einsatz unserer Mitarbeitenden vor Ort erreicht SOS-Kinderdorf täglich Tausende Menschen. Wir versorgen sie in Aleppo und anderen Teilen Syriens mit Wasser, Lebensmitteln und Kleidung, behandeln Schwangere medizinisch, richten Nothilfe-Kitas und Schulen ein, bieten psychologische Betreuung. Aber eins muss klar sein, bei Millionen Notleidenden reicht die Arbeit der wenigen in Syrien verbliebenen Hilfsorganisationen nicht aus. Es bedarf einer gigantischen Anstrengung der gesamten Weltgemeinschaft, um diese Herausforderung zu meistern. Die Hilfe muss weitergehen, und wir müssen sie noch verstärken. Der Wiederaufbau des Landes und die Heilung der Traumata der Menschen werden noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Wie hat sich die Lage für die SOS-Helfer und die Menschen seit dem Fall Aleppos verändert?

Das Ausmass der Zerstörung in Aleppo ist unbeschreiblich. Immer noch harren die Menschen in den zerbombten Ruinen aus oder leben ungeschützt in Notunterkünften, die dafür nicht eingerichtet sind. Aufgrund der grossen Not ist es sehr schwierig, auch nur die dringlichsten Nöte der Menschen zu lindern. Auch ist die Sicherheitslage nach wie vor ein gewaltiges Problem. Unsere Helferinnen und Helfer begeben sich noch immer täglich in Lebensgefahr, wenn sie versuchen, Hilfsgüter zu den Menschen in Not zu bringen.

Nach fast sechs Jahren Krieg in Syrien: Wie schwer fällt es den Menschen, die Hoffnung nicht zu verlieren?


Die Helferinnen und Helfer von SOS-Kinderdorf kümmern sich um die Kinder in den Notunterkünften.

Die Menschen haben unbeschreibliches Leid erlitten, aber sie geben die Hoffnung nicht auf. Natürlich herrscht Verzweiflung, aber auch ein grosser Wille, sich Stück für Stück wieder eine Zukunft aufzubauen. Und die Menschen auf der ganzen Welt können ihnen dabei helfen, indem sie die Arbeit der Hilfsorganisationen unterstützen. Sollte der Krieg hoffentlich bald vorüber sein, fängt unsere Arbeit erst richtig an. SOS-Kinderdorf steht dafür ein, Nothilfe in dauerhafte und verlässliche Hilfe für die traumatisierten Kinder umzuwandeln.

Was erhoffen Sie sich für Ihr Land?

Die Kinder Syriens sind bedürftig, sie können nicht länger warten. Wir müssen jetzt handeln. Dazu brauchen wir Frieden und Stabilität. Davon ist Syrien leider immer noch weit entfernt. Doch wir alle hoffen, dass ein Frieden durch eine politische Lösung zustande kommt, damit dieses schreckliche Kapitel in Syriens Geschichte endgültig zu einem Ende kommt.
  • Aufgeben ist keine Option

    24.02.2017 - Die Menschen in Syrien leiden seit sechs Jahren unter dem brutalen Bürgerkrieg. Mehr erfahren...