Traumatherapie im Nordirak: "Da laufen bei allen die Tränen"

Interview: SOS-Nothilfe-Koordinatorin über die traumatischen Erlebnisse von Kindern im Nordirak

27/06/2017 - Als die Terrormiliz IS im Jahr 2014 den Nordirak angriff, begann für die dort lebenden Menschen ein schier unbegreifliches Leiden – besonders für die religiöse Minderheit der Jesiden. Kinder, die den Gräueltaten des IS teils über Jahre ausgesetzt waren, sind dadurch schwerst traumatisiert. SOS-Kinderdorf hat deshalb im Flüchtlingscamp Khanke bei Dohuk ein Projekt zur Traumabehandlung von Kindern und Jugendlichen ins Leben gerufen. Katharina Ebel ist Nothilfe-Koordinatorin von SOS-Kinderdorf im Nordirak und spricht über die Herausforderungen des Projekts.
"Der Tag, an dem der IS kam" – Diese Kinderzeichnung zeigt, welche grausamen Szenen jesidische Kinder im Nordirak miterleben mussten.

Frau Ebel, welche fürchterlichen Erlebnisse haben die jesidischen Kinder und Jugendlichen denn hinter sich, wenn sie zu Ihnen ins Camp kommen?

Wir haben Kinder, die uns berichten, dass sie gesehen haben, wie Leute verdurstet sind. Und wie sie teilweise aus lauter Verzweiflung sich und auch ihre Kinder umgebracht haben, weil sie keine Hoffnung mehr gesehen haben. Sie haben erlebt, wie sie verfolgt wurden. Sie haben erlebt, wie sie beschossen wurden. Sie haben erlebt, wie vor ihren Augen Geschwister, Eltern umgebracht wurden.

Wie kann man diesen Kindern helfen? Diese Erlebnisse dürften sich doch für alle Zeit in den Erinnerungen festgebrannt haben, oder?

Also festgebrannt ist das sicherlich. Ich glaube nicht, dass die Kinder das jemals komplett vergessen werden. Aber was man tun kann ist, ihnen zu helfen damit umzugehen. Der Ansatz ist letztendlich, ihnen zu helfen, die Kontrolle über sich selber wieder zu bekommen. Das heisst, wir bringen Kindern Techniken bei, wie sie auf Knopfdruck quasi entspannen können. Wie sie Bilder wieder loswerden, die sie ständig im Kopf haben oder wenigstens zurückdrängen können. Dass sie wieder ein normales Leben führen können. Dass sie die Ereignisse jemals vergessen, das glaube ich nicht. Aber das ist glaube ich auch nicht das Ziel – sie müssen es nur verarbeiten.

SOS-Nothilfe-Koordinatorin Katharina Ebel berichtet von traumatischen Erlebnissen jesidischer Kinder im Irak. Foto: SOS-Archiv


Aktuell kümmern Sie sich um hunderte Kinder, die grauenhafte Erfahrungen gemacht haben. Ist es nicht problematisch, wenn so viele Opfer von Gräueltaten des IS zusammenleben?

Am Anfang habe ich auch gedacht, dass es ein Problem ist. Was passiert, wenn eines der Kinder anfängt zu weinen? Habe ich dann plötzlich eine ganze Gruppe, bei denen Filme ablaufen und die dann ausser Kontrolle gerät? Aber letztendlich passiert das nicht.

Wie kommen Sie und Ihr Team denn damit klar, wenn die Kinder ihre Erlebnisse schildern?

Da laufen bei allen die Tränen. Wenn sie hören, wie ein Kind Ihnen erzählt, dass es gesehen hat, wie sein Vater und wie sein Bruder erschossen wurden. Dann sind das Geschichten, die wirklich unglaublich sind. Da fragen sie sich dann teilweise schon: Kann das wirklich helfen, was wir hier tun? Aber bislang zeigen die Ergebnisse, dass es den Kindern hilft.

Ihre Traumabehandlung im Nordirak, die ist ja aktuell auf rund 800 jesidische Kinder ausgelegt. Es steht aber zu befürchten, dass hunderte – wenn nicht tausende – weitere IS-Opfer noch Hilfe benötigen werden, oder?

Mossul ist immer noch im Gange. Ziemlich viele Flüchtlinge kommen eben aus Mossul. Die Leute haben da jetzt drei Jahre gehockt, das heißt sie haben Kinder dort, die drei Jahre in Gefangenschaft waren. Teilweise als Kindersoldaten, aber teilweise auch eine Gehirnwäsche bekommen haben. Obwohl sie kurdisch sprechen, arabisch lernen mussten. Die einen anderen Namen bekommen haben. Und die kommen jetzt erst! Darauf muss man letztendlich vorbereitet sein und schauen, was man mit diesen Kindern macht. Wie reintegriere ich sie wieder in ihre Familien? Wenn die Familien dann auch erleben: Jetzt habe ich meinen Sohn wieder nach drei Jahren, ich habe mich total gefreut, aber jetzt spricht er leider eine andere Sprache und heisst jetzt anders. Dann ist das teilweise auch familiär ein grosses, grosses Problem.