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18.11.2021 Aktuelles Alle Kinderrechte Schweiz Kinder gestalten Kinderrechte

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Im Interview erklären die Kinderrechtsexperten Enkeleda Papa und Alan Kikuchi-White, wie Kinder immer mehr in die Gestaltung von Kinderrechten miteinbezogen werden.

Zusätzlich erklären die beiden, wie der Day of General Discussion on Alternative Care (Tag der Generaldiskussion zu alternativen Betreuung) verlief und was sie von der Anhörung der Schweiz vor dem UN Committee on the Rights of the Child (UNO-Komitee für Kinderrechte) erwarten.

Wie sieht ein Arbeitstag als Vertreter von SOS-Kinderdorf an der UNO in Genf aus?

In meiner Rolle als Child Rights Advocacy Advisor (Berater für die Stärkung von Kinderrechten) im Genfer Büro fördere und unterstütze ich das Engagement unserer Mitgliedervereine in den Gremien zur Überwachung von Menschenrechten, inklusive des Comittee on the Rights of the Child.

Wie verlief der Day of General Discussion on Alternative Care letzte Woche? Was haben wir für Kinder in alternativer Betreuung erreicht?

Unser übergreifendes Ziel was es, den aktuellen Stand der alternativen Betreuung in ihrer Komplexität umfassend zu untersuchen und besorgniserregende Bereiche zu identifizieren und zu diskutieren. Dazu gehört die unnötige Trennung von Kindern von ihren Familien und Geschwistern.

Die Diskussion fand wegen der Corona-Pandemie online statt. In den verschiedenen Arbeitsgruppen wurden bestimmte Themen diskutiert, wie zum Beispiel die Qualität der alternativen Betreuung und der zunehmende Fokus auf Familie und gemeindenahe Betreuung.

Unser grösster Erfolg bis jetzt war der Einbezug von betroffenen Kindern und Jugendlichen in die Diskussion. Acht Kinder und Jugendliche aus verschiedenen SOS-Kinderdörfern weltweit waren dabei und vier von ihnen konnten ihre Erkenntnisse live mitteilen.

Ein weiterer Erfolg war die hohe Teilnahme an der Umfrage, die speziell für die Diskussion erstellt wurde. Das Ziel dieser Umfrage war, so viele jugendliche Stimmen wie möglich miteinbeziehen zu können, um ihre Bedürfnisse zu verstehen und Kindern die Teilnahme an Kinderrechtsdiskussionen zu ermöglichen. Wir bekamen fast 1’200 Antworten.

Was haben Sie von der Anhörung der Schweiz vor dem UN Committee on the Rights of the Child erwartet? Wie haben Sie die Anhörung erlebt?

Es fand ein bereichernder Austausch zwischen dem Komitee und der schweizerischen Delegation statt, welche die Eidgenossenschaft und die Kantone repräsentiert. Dabei wurden über 30 der Hauptthemen angesprochen, die für die Beurteilung identifiziert worden waren. Das Komitee stellte ernsthafte Mängel bei der Umsetzung der Konvention und der zwei nicht verbindlichen Zusatzprotokolle in der Schweiz fest: dies vor allem in Bezug auf unbetreute Kinder, Kinder in alternativer Betreuung, Kinder mit körperlichen Einschränkungen sowie Kinder, die in Konflikt mit dem Gesetz stehen oder Kinder, die Gewalt und Misshandlung erlebten.

Wie vom Komitee vorgeschlagen und von der schweizerischen Delegation anerkannt, braucht es ein koordiniertes Vorgehen der Kantone und des Bundes. Es müssen die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, um die aktuellen Lücken bei der Umsetzung von Kinderrechten in der Schweiz zu schliessen.

Die Skizze der ersten Arbeitsgruppe der Veranstaltung.

Die Skizze der ersten Arbeitsgruppe der Veranstaltung.

Was halten Sie davon, dass dieses Jahr Kinder und Jugendliche zum ersten Mal bei der Anhörung der Schweiz vor dem UN Committee on the Rights of the Child dabei sein werden? Handhaben andere Länder das auch so?

Das Komitee engagiert sich für die Beteiligung von Kindern und schätzt deren Meinung sehr, da es sie direkt betrifft. Sie können sich etwa beteiligen, indem sie ihre eigenen Anträge (child-led reports) vorlegen oder zu den Anträgen von NGOs und dem Staat beitragen. Zudem können sie an der Vorsession und dem Kindertreffen teilnehmen, um ihre Ansichten den Mitgliedern des Komitees direkt mitzuteilen. Sie können auch nach Genf kommen, um an der Vollversammlung, die ihre Regierung überprüft, als Zuschauer*innen dabei zu sein. Hier können sie das Wort allerdings nicht ergreifen. Auch im Anschluss sollten sie bei jeglichen Anträgen und Prozessen involviert bleiben, die die Regierung zur Umsetzung des CRC auffordern. Das Komitee zieht Kinder immer stärker bei der Überprüfung von Staaten mit ein.

Wie vergleicht sich die Schweiz mit anderen Ländern in der Umsetzung von Kinderrechten?

Es gibt dazu eine Studie der UNICEF, die darüber einen umfassenden und nützliche Überblick gibt.

Was geschieht, wenn gewisse Staaten die Forderungen des CRC nicht erfüllen?

Die UNCRC wird durch die kontinuierliche Überprüfung des Committee on the Rights of the Child durchgesetzt. Das Komitee überprüft alle fünf Jahre die Delegationen und deren Umsetzung der Konvention sowie der zwei nicht verbindlichen Zusatzprotokolle. Das Komitee identifiziert Bereiche des Fortschritts und der Schwierigkeiten und macht den Staaten Vorschläge, um die nötigen Massnahmen zu ergreifen, um das Leben der Kinder in ihrem Land zu verbessern.

Ausserdem wurde im Jahr 2011 mit der Annahme des dritten nicht verbindlichen Zusatzprotokolls ein Beschwerde-Verfahren erstellt. Mit diesem Verfahren können Kinder oder ihre Vertreter das Komitee auf Fälle von Rechtsverletzung aufmerksam machen und Wiedergutmachung fordern, wenn auf nationaler Ebene keine Lösung gefunden wird. Dies ist ein quasi rechtlicher Prozess, durch den das Komitee die Beschwerde untersuchen kann und Vorschläge an den Staat, der für die Rechtsverletzung zuständig ist, weitergeben kann. Das Komitee verhängt jedoch keine Sanktionen an Staaten, die ihre Pflicht nicht korrekt erfüllen.

Was sind die grössten Fortschritte, die im Bereich der Kinderrechte in den letzten Jahren gemacht wurden?

Seit 2018 wurde mehr Wert darauf gelegt, dass Kinder Menschenrechte verteidigen können und sich wirkungsvoll beteiligen können. Das zeigt sich in der Teilnahme von Kindern an nichtstaatlichen Veranstaltungen und Diskussionen. Zudem wurde in gute Sozialhilfe investiert, die Familien in der Not unterstützt und Kindern gute Alternativbetreuung verspricht.

Was sind heute die grössten Herausforderungen für die Durchsetzung von Kinderrechten?

Nach über 30 Jahren seit der Annahme des UNCRC erfüllen viele Staaten die Verpflichtungen der Konvention und der zwei nicht verbindlichen Zusatzprotokolle immer noch nicht, vor allem in Bezug auf Kinder in bewaffneten Konflikten. Staatsüberprüfungen des UN Committee on the Rights of the Child zeigen, dass die Delegationen in manchen Ländern Probleme haben, die Kinderrechte umzusetzen.

Kurz gesagt erleben Kinder in vielen Ländern heute noch Armut, Hunger, Tod durch Erkrankungen, Diskriminierung und verschiedene Arten von Gewalt und Misshandlung. Oftmals müssen Kinder ausserdem aufgrund von Konflikten oder anderen Gründen von ihrem Zuhause fliehen. Zum Teil haben sie auch keinen Zugang zu essenziellen Bedürnissen, und die Partizipation von Kindern steht in den meisten Staaten noch ganz am Anfang.

Kinder, die in der Schweiz die alternative Betreuung verlassen oder mit ihrer biologischen Familie wiedervereint werden, bekommen keine weitere Unterstützung. Das bedeutet, dass sie von einem Tag auf den anderen auf sich allein gestellt sind. Wie hilft SOS-Kinderdorf hier?

Bis vor kurzem hatte SOS-Kinderdorf Schweiz keine Projekte oder Programme in der Schweiz. SOS-Kinderdorf Schweiz wird dieses wichtige Thema jetzt jedoch aufnehmen und hat schon entsprechende Partnerorganisationen kontaktiert. Das Ziel ist, dass Jugendliche, die die alternative Betreuung verlassen, sogenannte Care Leaver*innen, die nötige wirtschaftliche und psychosoziale Unterstützung bekommen, solange sie diese brauchen, damit sie eine faire Chance auf ein erfolgreiches und glückliches Leben haben.

Diese Zusammenarbeit lancierten wir durch die Unterstützung der Leaving Care-Kampagne des Kompetenzzentrums Leaving Care und des Netzwerks Careleaver Schweiz.

Inhaltsverantwortliche:

Nicole Hardegger

Als Verantwortliche Digitale Kommunikation möchte ich Kindern und Jugendlichen weltweit die gleichen Chancen ermöglichen.

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