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Ein Platz zum Essen und Schlafen

Als Juan ein Jahr alt war, starb seine Mutter. Sein Vater ist im Gefängnis. Zuerst lebte er bei seiner Grossmutter, doch sie konnte sich nicht ausreichend um den kleinen Jungen und seine Schwester kümmern. Die Behörden überwiesen die Geschwister ins SOS-Kinderdorf Matagalpa in Nicaragua. Der heute 12-Jährige erzählt über seinen Alltag und den wichtigen Kontakt zu seiner Herkunftsfamilie.

„Meine ältere Schwester Esther und ich leben im Haus Nummer sieben im SOS-Kinderdorf Matagalpa. Unsere SOS-Mama Anabel nennen wir „Tante“. In unserer SOS-Familie ist es gemütlich, weil wir uns alle gut verstehen. Ich gehe in die Rubén Darío-Schule in die vierte Klasse.

Meine Herkunftsfamilie, das sind meine Grossmutter, meine Onkel, meine Patentante und die Patentante meiner Schwester, lebt in Zaraguasca, etwa 50 Kilometer entfernt. Besuche sind ein- oder zweimal im Monat möglich. Zusammen haben wir eine gute Zeit. Sie sagen mir, dass sie mich vermissen und dass es immer schöner ist, wenn die Besuche länger dauern als nur einen Tag. Wenn ich sie nach meinen Eltern frage, zeigen sie mir Fotos von ihnen. Ich frage sie auch, wie es meinem Vater geht, zu dem ich im Moment keinen Kontakt haben kann.

Meine Verwandten arbeiten auf den Feldern. Sie pflanzen Bohnen, Mais und Gemüse. Die Besuche machen mich glücklich. Es genügt mir, dass es bei ihnen Platz zum Essen und Schlafen hat. Meine SOS-Brüder und -Schwestern dürfen oft mitkommen. Sonst würde ich sie vermissen. Sie sind wie meine richtigen Geschwister, sie gehören zu mir. Die Besuche sind auch schön für sie, denn nicht alle haben Kontakt zu ihren Herkunftsfamilien. Wir lachen viel und machen Fotos, damit wir uns an die Besuche erinnern.

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Im SOS-Kinderdorf geht es mir gut, da vermisse ich nichts. Wir haben viel Spass mit den SOS-Tanten und den anderen Betreuern. Fühle ich mich traurig oder einsam, ist immer jemand da zum Reden: Meine Schwester, Tante Anabel oder die Angestellten im Büro. Was mir auch gefällt ist, dass wir Geschwister haben, auch wenn wir nicht miteinander verwandt sind. Das ist noch besser als Freunde zu haben. Gemeinsam erleben wir schöne Dinge, wie zum Beispiel Weihnachten feiern. Wir sehen einander als Familie und unterstützen einander. Weniger schön ist, dass keiner von uns bei seiner richtigen Familie leben kann.

Mein Traum ist es, Fussballspieler zu werden. Ich mag auch Technik: In der Schule habe ich gelernt, wie man Handys repariert, zum Beispiel wie man den Bildschirm auswechselt und das Gerät neu startet. Auch würde es mich interessieren, Bäcker zu werden, weil ich gerne neue Sachen ausprobiere.

Ob ich wieder bei meinen Verwandten leben kann, hängt vom Ministerium für Familien und Kinder ab. Das würde ich gerne. Die Behörden klären ab, ob meine Familie sich wieder vollständig um mich und meine Schwester kümmern kann und alle unsere Bedürfnisse abdeckt, wie Essen, Gesundheit, Ausbildung und Betreuung. Das dauert vielleicht noch ein halbes oder ein Jahr, bis es so weit ist.

Wenn ich das SOS-Kinderdorf verlasse, kann ich für mein Leben alles brauchen, was ich hier gelernt habe. Ich weiss, dass ich dafür verantwortlich bin, meine Träume selbst zu erfüllen. Sie gehören erfüllt, sonst bleiben sie Illusionen und Gedanken.“

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