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15.08.2018 Aktuelles Alle SOS-Kinderdorf Schweiz Weitere Länder Alle Kinder zählen

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SOS-Kinderdorf arbeitet nicht nur vor Ort mit bedürftigen Kindern und Familien. Auch auf internationaler Ebene setzen wir uns für ihre Rechte ein. Im Interview erklärt Sofía García, SOS-Kinderdorf-Beauftragte bei den Vereinten Nationen, ihre politische Arbeit für eine nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit und für Kinder, die Schutz und Betreuung benötigen.

Frau García, wie würden Sie einem Kind Ihr Berufsbild erklären?

Ich würde sagen, mein Job ist es, täglich dafür zu sorgen, dass Regierungen weltweit die bestmöglichen Entscheidungen für junge Menschen treffen. Dazu müssen sie die Stimmen der Kinder aber auch hören und an ihren Erlebnissen und Erfahrungen teilhaben können. Dafür sorge ich. Ich schlage mit meiner Arbeit eine Brücke zwischen den Kindern und den Politikern, die sie repräsentieren und die ihnen dienen sollen.

 

Wie sieht das in der Praxis aus? Besuchen Sie dafür auch selbst SOS-Kinderdörfer?

Ja, viele auf der ganzen Welt! Es ist absolut wichtig, zu wissen, wen ich repräsentiere und worüber ich rede. Was ich den Vereinten Nationen oder anderen Entscheidungsträgern vermittle, sollte nie auf den Empfehlungen von mir oder von SOS-Kinderdorf gründen; es soll sich daran orientieren, was die Kinder vor Ort wollen und brauchen

 

Gibt es eine Begegnung, die sie nachhaltig beeindruckt hat?

Am meisten berührt und bewegt hat mich wohl Jonathan. Ein neunjähriger Junge aus Uruguay, der an UN-Verhandlungen in New York teilnahm. Zu Beginn war er unsicher und schüchtern, aber nachdem wir gemeinsam überlegt hatten, was wir erreichen wollen und auch können, schmiedete er Pläne. Sein Beispiel zeigt, wie viel es wert ist, Vertrauen, Respekt und Hoffnung in ein Kind zu setzen. Auch die Gespräche mit minderjährigen Geflüchteten in Griechenland haben mir wichtige Denkanstösse gegeben.

 

Warum sind Sie in die Politik gegangen?

Ich bin glücklich und behütet in Spanien aufgewachsen. Doch ich kannte Kinder aus meinem Heimatort, die es weniger gut hatten. Ihr Leid belastete mich damals sehr. Darum entschied ich mich dafür, meinen Teil dazu beizutragen, das Leben für Hilfsbedürftige weltweit zu verbessern oder es zumindest zu versuchen. Die Kraft des Dialogs spielt für mich eine grosse Rolle dabei; wie man auf Spanisch sagt: «Convencer es mejor que vencer.» Zu überzeugen ist besser als zu gewinnen.

Hilfe für die Bedürftigsten – dafür verabschiedeten die Vereinten Nationen 2000 die Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs). Es ging dabei um Meilensteine in der Entwicklungspolitik. Was ist daraus geworden?

Trotz Fortschritten wurden sehr viele Zielvorgaben der MDGs nicht umgesetzt. Millionen von Kindern gehen immer noch nicht zur Schule. Viele sterben an vermeidbaren Krankheiten oder Unterernährung, bevor sie fünf Jahre alt sind. Armut bleibt ein Grund für den Verlust elterlicher Fürsorge. Für das Scheitern der Ziele gibt es verschiedene Gründe; die Wirtschaftskrise oder die zu ehrgeizigen Ziele. Entscheidend war allerdings, dass es an politischem Mut und Durchsetzungswillen fehlte.

Vielleicht gibt es ja mehr Mut, die neuen «Ziele für nachhaltige Entwicklung» (SDGs) – die 2016 in Kraft getreten sind – umzusetzen. Was ist der Unterschied zu den Vorgängern?

Die Ziele sind umfangreicher und beheben einige der Schwachstellen der Vorgänger. Doch der signifikanteste Unterschied ist wohl, dass sie auf dem Grundsatz «Lasse niemanden zurück» basieren. Wir wollen uns um die Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern, die am dringendsten unsere Hilfe benötigen. Ausserdem geht es nicht mehr nur um eine Nord-Süd-Agenda, sondern um universelle Lösungen. Alle Länder sind am Prozess beteiligt und sollen Probleme lösen.

Die Mitarbeit an den Zielen ist freiwillig. Ist das nicht ein Stolperstein für die Umsetzung?

Das ist ein notwendiges Übel. Es wäre extrem schwierig, wenn die Vereinten Nationen die Macht hätten, Ländern ihre Entwicklungspolitik vorzuschreiben. Fortschritt kann verschiedene Formen annehmen, und wir brauchen da eine gewisse Flexibilität. Ungeachtet davon haben die Regierungen eine moralische Verpflichtung zur Mitarbeit.

Inwiefern ist SOS-Kinderdorf in die neuen UN-Beschlüsse involviert?

Für uns ist die neue Agenda eine hervorragende Möglichkeit. Es geht schliesslich darum, unserer Verantwortung gerecht zu werden und sicherzustellen, dass die Regierungen bei ihren politischen Massnahmen und deren Erfolgskontrollen die Situation der benachteiligten Kinder im Gedächtnis behalten. Zudem haben wir bei der Erarbeitung der Agenda nicht nur unser Wissen eingebracht. Wir haben die Stimmen und Erfahrungen all jener Kinder und ihrer Familien am Tisch mit vertreten. Sie sind ja der eigentliche Motor für Veränderungen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Arbeit beginnt jetzt erst richtig. SOS-Kinderdorf trägt dazu bei, die geplanten Massnahmen auf nationaler Ebene umzusetzen. Dafür teilen wir zum einen unser Wissen und unseren Erfahrungsschatz mit den beteiligten Akteuren, zum anderen ermächtigen wir Kinder und Jugendliche dazu, zum Erreichen der Ziele beizutragen. Man darf nicht vergessen: Seit 60 Jahren ist es die Kernaufgabe von SOS-Kinderdorf, genau die Aufgaben in die Praxis umzusetzen, die heute zu den neuen Zielen der UN gehören. Wir haben uns schon immer auf die Kinder konzentriert, die am dringendsten Hilfe benötigen. Wir haben Tausenden den Zugang zu Bildung und Gesundheit erschlossen und ihnen dabei geholfen, sichere und anständige Jobs zu finden.

Wie kann man eigentlich den Erfolg der Massnahmen messen?

Leider gibt es gerade zur Situation von Waisenkindern nur sehr spärliche offizielle Statistiken. Noch dazu fehlt in vielen Ländern das Bewusstsein dafür, dass der Staat für sie die Verantwortung trägt. SOS-Kinderdorf hat dazu die Kampagne «Alle Kinder zählen, aber nicht alle werden gezählt» ins Leben gerufen und macht damit grosse Fortschritte. Zu diesem Zweck arbeitet man auch mit den jeweiligen Regierungen zusammen. Sie werden dabei unterstützt, relevante Daten zu sammeln und zu analysieren.

Sie haben einmal gesagt: Gerade Kinder ohne elterliche Fürsorge werden von Politik und Investoren sehr oft vergessen. Gibt es Hoffnung auf eine Verbesserung dieser Situation?

Ja, es gibt Hoffnung. SOS-Kinderdorf arbeitet daran, dass sie wahr wird. Regierungen können diese Kinder schliesslich nicht für immer vernachlässigen. Zudem haben sie versprochen, niemanden zurückzulassen. Das ist ein wichtiges politisches Signal. Wir können sie und alle Beteiligten durch Beratung bei Programmen und Entscheidungen unterstützen. Und natürlich nicht zuletzt dadurch, dass wir selbst eine Vorbildfunktion wahrnehmen