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11.09.2018 Aktuelles Alle Projekte & Hilfsprogramme Weltweit Sie hat 100 Kinder

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Chile – In allen SOS-Kinderdörfern Chiles kennt man Tante Chely. Denn Graciela Moraga, so heisst sie mit bürgerlichem Namen, ist weltweit die dienstälteste SOS-Mutter. In fast 50 Arbeitsjahren hat sie mehr als 100 Kinder grossgezogen. Was bedeutet ihr die Arbeit als SOS-Mutter?

«Fabián ist Kameramann geworden und hat eine Stelle an der Universität von Tarapacá.» SOS-Kinderdorf-Mutter Graciela erzählt von ihren längst erwachsenen Kindern. Luís arbeite in der Administration des Hafens von Arica, Veronica sei Lebensmittelkontrolleurin, Sonia Ärzteberaterin. Und für César, den Ingenieur, ist Graciela wie eine richtige Mutter. «In seiner Wohnung hält er immer ein Zimmer für mich frei.» Wenn sie denn Zeit habe, ihn zu besuchen, als eines von über 100 ehemaligen Kindern, die Graciela in SOS-Kinderdörfern grossgezogen hat.

Einen eigenen Sohn hat Graciela auch, Mauricio. Er ist bei ihr in der SOS-Kinderdorf-Familie aufgewachsen. Zusammen mit den anderen Kindern, denen seine Mutter die gleichen Chancen im Leben ermöglichte wie ihm. «Zwischen ihm und den anderen Kindern habe ich nie einen Unterschied gemacht», fährt Graciela weiter. «Für ihn waren die anderen Kinder immer seine Geschwister, noch heute nennt er sie Brüder und Schwestern.» Ihr Sohn habe ihre Arbeit immer verstanden und dass es für sie wichtig sei, ihr Leben Kindern zu widmen.

 

Lebensart, glücklich zu sein

Angefangen hat alles 1969. Da begann Graciela mit der Arbeit als SOS-Mutter. Ihre glücklichsten Erinnerungen gelten dieser Zeit. Zusammen mit einer anderen SOS-Mutter gründete sie im neuen SOS-Kinderdorf Bulnes mit je zwölf Kindern die ersten Familien. Sie bewohnten Häuser, in denen es praktisch nichts gab, nur einen einzigen Ofen, um das Haus zu wärmen. Die Wäsche wuschen sie von Hand, das Mehl kauften sie gleich zentnerweise, um ihr eigenes Brot zu backen. «Wir lebten sehr einfach. Aber auch sehr glücklich», erinnert sich Graciela. «Es war ein wunderbarer Platz, umgeben von Natur, Gärten mit Obstbäumen, Gemüse und Tieren», schwärmt Graciela. Für die SOS-Mutter bestätigte sich, dass sie die Arbeit ihres Lebens gefunden hatte.

Die Arbeit ist auch fordernd. Manchmal entmutigend, wenn sich die Dinge nicht so entwickeln, wie man sich das wünscht. Trotzdem betrachtet Graciela ihre Arbeit einerseits als ihre Mission in dieser Welt, andererseits als Lebensart, die es ihr erlaubt hat, glücklich zu sein und sich beruflich zu entwickeln. Auch Sorgen gehören dazu. Vor einigen Jahren hatte einer ihrer erwachsenen Söhne einen schweren Unfall. Mitten in der Nacht rief dessen Frau die SOS-Mama an: «Mamí Chely, Oscar liegt im Spital. Es sieht nicht gut aus.» Graciela zögerte keinen Moment. Sie kaufte ein Flugticket nach Concepción. Als sie im dortigen Krankenhaus eintraf, lag ihr Sohn bereits im Koma. «Es blieb mir nur noch die Zeit, seine Hand zu halten.» Kurz darauf starb er, als hätte er auf sie gewartet.

Heute könnte Graciela ihren Ruhestand geniessen. Doch das will sie nicht. «Warum? Ich fühle mich nicht wie 69. Eher wie 40. Voller Energie, Kindern in schwierigen Lebenssituationen zu helfen.» Deshalb hat sie nicht aufgehört, für SOS-Kinderdorf zu arbeiten. Sie steht keinem bestimmten Familienhaus mehr vor, berät neue SOS-Mütter und hilft als Tante Chely in allen 13 chilenischen Kinderdörfern aus: «Überall dort, wo man mich am dringendsten braucht.» Und wird es für Graciela einmal nichts mehr zu tun geben, kann sie sich in ihr eigenes Haus zurückziehen. Das natürlich direkt neben dem SOS-Kinderdorf steht.