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14.05.2019 Aktuelles Alle Projekte & Hilfsprogramme Weitere Länder Südkorea auf der Überholspur: Die Folgen für die Kinder

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Südkorea erlebt aktuell einen kulturellen und wirtschaftlichen Boom rund um den Globus. Dieser Boom hat aber auch seinen Preis. Ein Blick hinter die Kulissen der südkoreanischen Leistungsgesellschaft mit Do-Hyun Kim, dem Direktor von SOS-Kinderdorf Südkorea.   

 

K-Pop, K-Food oder K-Beauty. Schönheitsprodukte und Modetrends aus Südkorea entzücken die Frauen und Männer in Europa. Die Musik und Choreografien von Girl- und Boy-Bands aus Südkorea geniessen hohe Popularität bei den Jugendlichen in westlichen Ländern. Und Nationalgerichte wie Kimchi und Bibimbap ist vielen Feinschmeckern in der Schweiz ein Begriff.  Geht man durch die Strassen von Seoul, wird man von Lichtern, Musik, Bars und Restaurants überwältigt.

Das Wirtschaftswunder Südkorea

Innerhalb weniger Jahrzehnte ist Südkorea, nach der Besetzung Japans 1945 und nach dem Koreakrieg 1950-1953, aus bitterer Armut zu einer modernen Industrienation aufgestiegen. Seit 1985 hat sich das Bruttoinlandsprodukt verzehnfacht und wächst mit 3.1 % auf Erfolgskurs weiter.  Das Land gilt dank High-Tech Firmen und Großkonzernen wie Hyundai und Samsung als Innovationshafen. Der Grossteil der elektronischen Produkte wie Halbleiter, Mikrochips, Flachbildschirme und Computer kommen aus Südkorea.  Auch im Dienstleistungssektor hat Südkorea die Nase vorn: Die Menschen arbeiten hart für einen Topservice. Als Tourist in Seoul spürt man den hohen Servicestandard und lernt diesen zu schätzen: Ob in einer Boutique, im Restaurant oder beim Rental Car-Service. Alles funktioniert zügig und niemand muss Schlange stehen – und dies mit einer unglaublichen Gastfreundschaft und Höflichkeit.

 

 

Der sinkende Stellenwert der Familie

«Touristen bekommen nichts von der Armut in Südkorea mit.» Kim Do-Hyun ist Direktor von SOS-Kinderdorf Südkorea und arbeitet bereits seit 27 Jahren für SOS-Kinderdorf. Er kennt die Probleme des Landes nur zu gut: «Besonders Kinder und Pensionierte haben unter dem Leistungsdruck zu leiden. Das Land wandelte sich von einer landwirtschaftlichen und traditionell verwurzelten Gesellschaft zu einer modernen und fortschrittgetriebenen Leistungsgesellschaft.» Das Familiensytem hat sich laut Kim Do-Hyun verändert: «Früher gab es grosse Familien, jeder unterstützte jeden und die Familie war eng verflechtet. Heute sind die Familien auf ein Kind reduziert und niemand möchte noch auf dem Land leben. Auf der Suche nach Arbeit und Studienplätzen, ziehen die Familien in die grossen Metropolen wie Seoul. Die Folge ist, dass nur noch wenige Kinder auf dem Land bleiben. »

Obwohl die Geburtenrate sinkt, nimmt die Anzahl an Missbrauchsfällen an Kindern in den Städten zu. Die Eltern müssen ihre Kinder Zuhause lassen, arbeiten lange und das Kind lebt praktisch allein.  «SOS-Kinderdorf fängt diese Familien auf, wobei die Kinder in den SOS-Kindergarten gehen können und eine gratis Mahlzeit erhalten. Leider ist es sehr schwer hinter die Fassaden der Familien zu sehen. SOS-Kinderdorf arbeitet stark mit Präventionsmassnahmen daran, die Familien aufzufordern, frühzeitig Hilfe zu suchen. Verlieren die Kinder die elterliche Fürsorge komplett, können die Kinder permanent im SOS-Kinderdorf leben. An drei Standorten in Seoul, Daegu und in Suncheon gibt es SOS-Kinderdörfer mit der Kapazität für jeweils 70 Kinder. »

 

SOS-Kinderdorfs Einsatz für Kinder und ältere Menschen

Der Hauptfokus von SOS-Kinderdorf liegt klar bei den Kindern. Doch die südkoreanische Gesellschaft ist überaltert und besonders die älteren Menschen brauchen Schutz und Fürsorge: 20% der Gesellschaft sind über 66 und leiden unter dem verfallenen Familiensystem. Die Altersarmut ist besonders auf dem Land ein grosses Problem und viele Pensionierte nehmen sich das Leben, da sie sich als Last empfinden. SOS-Kinderdorf ergriff wirkungsvolle Masssnahmen gegen diese düstere Entwicklung: Alle pensionierten SOS-Mütter dürfen in nahegelegenen Wohnheimen von SOS-Kinderdörfern weiterleben. Sie werden von Fachpersonal betreut und umsorgt. Das Programm wird seit kurzem auch ausgeweitet auf andere Rentner, die mentale und gesundheitliche Probleme haben. So trägt SOS-Kinderdorf einen Beitrag im Kampf gegen die extreme Altersarmut bei.

Auch die Jugendlichen sind in den Schulen hohem Leistungsdruck ausgesetzt- sie müssen sich schon früh auf die Aufnahmeprüfungen der Universitäten vorbereiten. In Seoul hat SOS-Kinderdorf ein Zentrum eröffnet, wo die Kinder in die Bibliothek lernen können und von Studenten von Elite-Unis Nachhilfeunterricht erhalten. Ausflüge, Backkurse und Tanzkurse werden organisiert, damit sie sich erholen können. Das Zentrum dient als Auffangbecken und Ruhezone für mehr als 120 Kinder. Hier wissen die Kinder, dass sie stets auf die Unterstützung von den Mitarbeitern von SOS-Kinderdorf zählen können. Und die Eltern wissen, dass ihre Liebsten gut aufgehoben sind.

 

 

Ein Wirtschaftswunder und seine Kehrseite

Im kunterbunten Seoul leben 10 Millionen Menschen. Jeder möchte in die Metropole kommen, um zu arbeiten oder zu studieren. Die Südkoreanerinnen und Südkoreaner stehen unter hohem Erfolgsdruck. Die Suizidrate beträgt mit zu der höchsten weltweit. Mehr Menschen sterben in Südkorea an Suizid als durch Verkehrsunfälle.  Auch die Geburtenrate sinkt rapide, denn die Frauen und Männer meinen nur noch eines zu wollen: Karriere. Je nach Arbeitgeber müssen sie bis spät in die Nacht unbezahlte Überstunden leisten. Erst nach dem Chef das Büro zu verlassen gilt als üblich und mit 2 Wochen Ferien im Jahr ist Zeit zur Erholung ein kostbares Gut. Das Volk ist engagiert und fleissig.  Dies spüren auch die Kinder Südkoreas und SOS-Kinderdorf Südkorea.

Wie in jedem Land gibt es immer zwei Seiten. Gutes hat schlechte Folgen und umgekehrt.  Wirtschaftlicher Aufschwung bedeutet bessere Lebensstandards für den Menschen. Wohlstand und Arbeit gibt dem Menschen Sicherheit. Doch der Wohlstand hat seinen Preis. Die Psyche und der oftmals hohe Verlust an persönlichen Beziehungen führen zu Einsamkeit, Depression und leider auch zu Suizid. Auch in der reichen Schweiz haben wir mit ähnlichen Auswirkungen zu kämpfen. Darum ist es wichtig, dass es Institutionen gibt, die Familien entlasten können.

Fotos © : Eleonora Scardanzan

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