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08.10.2020 Aktuelles Alle Kinderrechte Projekte & Hilfsprogramme Weltweit Ursachen der Familientrennung

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Die Gründe, welche dazu führen, dass Kinder von ihren Familien getrennt werden, sind vielfältig und global leider nur wenig erforscht. In Zusammenarbeit mit der Brown Universität hat SOS-Kinderdorf deshalb die weltweit erste Literaturstudie zum Thema angestossen. Studienleiterin Susan E. Short, Professorin für Soziologie erklärt, worum es dabei geht.

Professor Susan Short von der Brown-Universität

Professor Susan Short von der Brown-Universität

Wie kam die Idee zu dieser Forschung auf?

Letztes Jahr führten meine Kollegen und ich ein Gespräch mit dem Forschungsteam von SOS-Kinderdorf International. Wir sprachen über die Gründe, warum Kinder von ihren Familien getrennt werden. Dabei stellten wir fest, dass es viele Studien über bestimmte Gruppen von Kindern gibt, aber nur sehr wenige Untersuchungen, welche die Frage global betrachteten. SOS-Kinderdorf war der Meinung, dass diese Informationen für sie sehr nützlich sein könnten, und auch wir kamen zum Ergebnis, dass dies für Wissenschaftler aus diesem Bereich von Interesse ist.

Was erwarten Sie von der Literaturübersicht?

Kinder sind überall von Trennung bedroht. Die Gründe hierfür sind weltweit unterschiedlich und hängen vom lokalen Kontext ab. Unsere Prüfung der Studien wird diese Differenzen hervorheben. Wir erwarten auch, dass diese Untersuchung nicht nur aufzeigen wird, was wir wissen, sondern vor allem auch, was wir nicht wissen. Sie wird auf Lücken hinweisen und zu Fragen führen, die wir bisher nicht gestellt haben.

Ist Armut allein eine Triebkraft für die Trennung von Kind und Familie?

Das ist eine komplizierte Frage. Sie hängt auch mit der Erkenntnis zusammen, dass es mehrere Gründe für die Trennung gibt. Wie wir diese Gründe interpretieren, hängt von der Perspektive ab. Es gibt sicherlich direkte Triebkräfte und grundlegende Ursachen. Zum Beispiel verlieren aktuell durch die Corona-Krise viele Menschen ihren Arbeitsplatz. Armutsbetroffene Familien, einschliesslich Familien mit Kindern, sind besonders gefährdet. Aus der bisherigen Forschung wissen wir, dass die Unterstützung dieser Familien, wenn die Kinder noch klein sind, ihnen sofort hilft und auch langfristig Gesundheit und Wohlbefinden fördert.

Sind sozial isolierte Familien – solche, die keine engen Verbindungen zu Familien oder ihrer Gemeinde haben – einem grösseren Risiko der Trennung von Kindern ausgesetzt?

Für die Gesundheit und das Wohlergehen von Familien ist die soziale Verbindung auf jeden Fall sehr wichtig. Alle Familien sind darauf angewiesen, auf andere zurückgreifen zu können, wenn unerwartete Herausforderungen auftauchen, seien es wirtschaftliche, gesundheitliche oder andere Gründe. Viele Faktoren beeinflussen, ob Familien diese Art von Sicherheitsnetz haben.

Einige Familien sind auch deshalb gefährdet, weil sie das Gefühl haben, sich in Zeiten der Not nicht auf die Unterstützung ihres sozialen Umfelds verlassen zu können oder ihre Gemeinde keine gerechte Unterstützung bietet. Vielerorts ist etwa der Rechtsstatus entscheidend: Eltern, die Einwanderer sind und denen der legale Status verweigert wurde, sind möglicherweise besorgt über die Abschiebung und zögern, für sich oder ihre Kinder medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. Oder sie haben Hemmungen, sich für Sozialprogramme zu bewerben, die das Wohlergehen gefährdeter Familien unterstützen, bzw. kommen nicht dafür in Frage.

Hat sich das Risiko einer Trennung von Kind und Familie durch die Corona-Pandemie erhöht?

Wir können es noch nicht mit Sicherheit sagen. Was feststeht: Familien sind in der gegenwärtigen Krise sehr verletzlich und Kinder besonders gefährdet. Während Masken, Tests, Unterstützung für das Gesundheitspersonal und Bemühungen zur Eindämmung der Übertragung und zur Behandlung der Krankheit entscheidend sind, brauchen wir auch gezielte Unterstützung für Familien und Kinder.

Durch die Pandemie sind mehr Kinder von Armut bedroht. Familien haben möglicherweise weniger Zugang zu Impfungen. Eltern und andere Familienmitglieder könnten ihren Arbeitsplatz verlieren oder krank werden, weniger Zugang zu Drogen- oder anderen Behandlungsprogrammen haben, was sich auf die Kinder auswirken würde. Jugendliche leiden untere sozialer Isolation, da die Beziehungen mit Gleichaltrigen für sie besonders wichtig sind. All diese Faktoren verursachen Stress und machen Familien zusätzlich verwundbar. Um zu verstehen, inwiefern Familien und Kinder betroffen sind und was sie brauchen, sind wir auf Forschung angewiesen. Was erhöht die Widerstandsfähigkeit inmitten dieser Herausforderungen? Die Arbeit, die SOS-Kinderdorf zur Stärkung der Familie leistet, ist jetzt besonders wichtig.

Wie wichtig ist die Rolle von Regierungen und der Zivilgesellschaften bei der Eindämmung der Risiken der Trennung von Kindern?

Sehr wichtig. Wir wissen, dass die Unterstützung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Kindern unmittelbare und lebenslange positive Auswirkungen hat. Familien werden profitieren ungemein von Unterstützung der Regierungen und der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft. Wir müssen die Beweise für die Wirkung von Massnahmen liefern und Ressourcen auf Programme lenken, die diese Arbeit unterstützen.

Inhaltsverantwortliche:

David Becker

Wenn ich Content in Wort und Bild erarbeite, begeistert mich das grosse Ganze und berühren mich die feinen Details.

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