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23.11.2020 Aktuelles Alle Kinderrechte Projekte & Hilfsprogramme Weltweit Kinderschutz geht alle an

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Im Interview schildert Coenraad de Beer, SOS-Kinderschutzbeauftragter, wie Kinder bei SOS-Kinderdorf geschützt werden und warum es hier keine Toleranz geben kann.

Herr de Beer, bei SOS-Kinderdorf gilt der Satz, dass Kinderschutz alle angeht. Was ist damit gemeint?

Das ist eine unserer Kernbotschaften: Nicht nur einzelne Kinderschutzbeauftragte, sondern wirklich jeder einzelne Mitarbeiter ist verantwortlich, sich über mögliche Gefahren in seinem Bereich bewusst zu sein und die Sicherheit der Kinder zu garantieren. In der direkten Arbeit mit den Kindern liegt das auf der Hand. Aber auch, wer zum Beispiel in der Kommunikation arbeitet, ist mit dem Kinderschutz konfrontiert. Hier geht es besonders darum, dass die Persönlichkeitsrechte des Kindes gewahrt werden. Oder wer Besucher mit in ein SOS-Kinderdorf nimmt, muss dafür sorgen, dass sich diese achtsam und respektvoll verhalten.

Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf müssen auch einen „Verhaltenskodex“ unterzeichnen. Was steht da drin?

Sie unterschreiben etwa, dass sie keine Gewalt anwenden, keine sexuellen Beziehungen zu Schutzbefohlenen eingehen, sowie die Rechte und Würde der Kinder achten. Die Richtlinien gelten übrigens auch für das private oder gesellschaftliche Umfeld der Mitarbeitenden: Wir würden es nicht akzeptieren, wenn etwa ein Jugendbetreuer eine Kinderehe für ein 13-jähriges Mädchen in seiner Verwandtschaft arrangiert. Er hat Vorbildcharakter und prägt mit seinem Verhalten die Gesellschaft, in der er lebt.

Das heisst, der Kinderschutz geht über die Grenzen der Organisation hinaus?

Deutlich! Wir beziehen immer ein grösseres Umfeld mit ein – die Familien, die Schulen, die Gemeinden, die lokalen Regierungen und Ämter. Es geht darum, an allen Stellen genau hinzuschauen, die Risiken zu identifizieren und zu reagieren. In vielen Ländern ist es beispielsweise immer noch normal, Kinder mit Schlägen zu erziehen. Hier investieren wir viel Energie in Aufklärung und versuchen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welchen Schaden Schläge und Gewalt anrichten.

Wie wird der Kinderschutz innerhalb der SOS-Kinderdörfer selbst umgesetzt?

Das Besondere ist, dass die Kinder hier 24 Stunden/7 Tage die Woche betreut werden. Das heisst, sie befinden sich in intensivem Kontakt mit den Mitarbeitern. Viele der Jungen und Mädchen haben ausserdem in ihrer Herkunftsfamilie Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch erlebt. Sie sind verunsichert und verhalten sich Erwachsenen oder auch anderen Kindern gegenüber häufig unangemessen oder aggressiv. Für Kinderdorfmütter oder Betreuer ist das extrem fordernd. Deshalb ist es von Beginn an wichtig, darauf zu achten, dass wir stabile Persönlichkeiten einstellen, und sie bei ihrer anspruchsvollen Arbeit bestmöglich zu unterstützen und vor Überforderung zu schützen. Gleichzeitig arbeiten wir intensiv mit den Kindern. Psychologen helfen ihnen bei der Aufarbeitung von Traumata, wir stärken sie und ermutigen sie ausdrücklich, sich für ihre Rechte einzusetzen.

Was passiert, wenn es tatsächlich zu einer kritischen Situation kommt?

Wir haben bereits 2008 eine Kinderschutzrichtlinie verabschiedet, die für alle Programme weltweit bindend ist. Bei Verdacht auf Kinderrechtsverletzungen oder Missbrauch haben wir ein klares Vorgehen. Über verschiedene Kanäle kann der Vorfall gemeldet werden: Per E-Mail, Telefon, anonym über unsere Whistleblower-Seite. Wir empfehlen den Kindern, sich an eine Vertrauensperson zu wenden. Jeder Vorfall wird ernst genommen und weiterverfolgt. Innerhalb von 48 Stunden klären die zuständigen Regional- und Nationalbüros die wichtigsten Details. In jedem Programm gibt es ein Team von speziell ausgebildeten Verantwortlichen, die solchen Vorwürfen auf den Grund gehen – und handeln! Von der Organisation „Keeping Children Safe“ wurde uns bestätigt, dass unser System stabil und verlässlich ist. Wir haben dafür eine Zertifizierung bekommen.

Jährlich veröffentlicht SOS-Kinderdorf einen Kinderschutzbericht, in dem Kinderrechtsverletzungen benannt werden. Der Bericht aus dem Jahr 2019 listet für das Vorjahr 2018 insgesamt 307 Verstösse gegen den Kinderschutz in allen SOS-Programmen auf. Über 39.000 Kinder wurden in dieser Zeit allein in den SOS-Kinderdörfern betreut. Was verbirgt sich hinter dieser Zahl?

Alle diese Fälle wurden von uns als kritisch eingestuft, mit den entsprechenden Konsequenzen. In der Hälfte aller Fälle kam es zu Gewaltanwendungen, gefolgt von Vernachlässigung (27 %) und emotionaler Gewalt (15 %). Sexuelle Nötigung oder Missbrauch lagen in 7 % vor. In einem Fall wurde die Privatsphäre eines Kindes verletzt. In allen diesen Fällen haben wir unverzüglich gehandelt – hier herrscht null Toleranz! Mitarbeiter wurden entlassen und bei Verstössen gegen Gesetze die Behörden eingeschaltet. Ganz klar: Jeder Fall ist ein punktuelles Scheitern unserer Mission und für uns Anlass, die Umstände genau zu analysieren und Schwachstellen auszubessern.

Ist dieser offene Umgang mit dem Thema Teil des Kinderschutzkonzeptes?

Ich würde sogar sagen, es gehört zur Entwicklung der gesamten Organisation, immer transparenter und offener zu werden. Ich bin sehr froh darüber! Aktuell haben wir eine unabhängige Analyse von Kinderschutzverstössen der Vergangenheit in Auftrag gegeben, die im nächsten Jahr veröffentlicht werden soll. Nur wenn wir bereit sind, wirklich hinzugucken, können wir die Kinder bestmöglich schützen.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem aktuellen Bericht gewonnen?

Es ist deutlich zu erkennen, dass eine hohe Qualität der Betreuung der wichtigste Schutz für die Kinder ist. Deshalb müssen wir den Fokus noch mehr auf Trainings und die Stärkung unserer Mitarbeitenden legen und gleichzeitig sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche wirklich gehört werden und ihr Recht auf Mitbestimmung ausüben können. Auch in der besonders schwierigen Phase – dem Schritt aus dem SOS-Kinderdorf in die Selbstständigkeit – müssen wir die jungen Menschen noch besser unterstützen. Für mich ist der Kinderschutz eine Reise, die uns immer wieder einen Schritt weiterbringt. Unser Anspruch kann dabei nicht hoch genug sein.

Inhaltsverantwortliche:

David Becker

Wenn ich Content in Wort und Bild erarbeite, begeistert mich das grosse Ganze und berühren mich die feinen Details.

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