Ihr Spendenkorb ist leer
INDEPENDA: Gemeinsame Schritte
29.01.2026 Jugendförderung
Wir sprechen mit Tamara Kaufmann, 26, über ihre Erfahrungen als Careleaverin und mit unserem Programm INDEPENDA.
Kannst du uns etwas über deine Kindheit erzählen?
Ich bin als Zwilling mit einem schweren Geburtsfehler geboren worden. In meinen ersten Lebensjahren wuchs ich bei meiner drogensüchtigen Mutter auf, bei der paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden war. Als wir vier Jahre alt waren, brannte unsere Wohnung, mit uns drin, ab. Danach kamen wir in unser erstes Kinderheim.
Wann und wie bist du aus der Betreuung ausgetreten? Kannst du dich noch erinnern, was damals in dir vorging?
Abschliessend mit 16 Jahren. Wir wurden nicht auf das Leben vorbereitet. Das einzige Ziel war es, dass wir vor dem Austritt eine Lehrstelle bekamen. Psychologische Nachbetreuung oder Ähnliches war kein Thema. Positiv war, dass uns eine Familienhelferin zugeteilt wurde, die uns alle zwei Wochen besuchte. Ängste hatte ich viele, schliesslich wusste ich, was mich potenziell wieder zu Hause erwartet. Ich hatte aber dennoch die Hoffnung, dass alles gut kommt und ich noch etwas Kindheit mit meiner Zwillingsschwester und meiner Mutter zusammen verbringen konnte.
Was waren die grössten Herausforderungen, als du auf eigenen Beinen stehen musstest?
Ich zog direkt nach der Lehre wieder zu Hause aus, da meine Mutter wieder eine Psychose hatte. Meine Schwester war jedoch noch in der Lehre und musste einen Kredit aufnehmen, damit sie sich eine Wohnung finanzieren konnte, trotz Lehrlingsgehalt. Da wir beide bereits 18 waren, bekamen wir keine Hilfe. Generell war das eine sehr einsame Zeit nach dem Auszug, ohne Eltern und Familie.
Gab es einen Moment, in dem du dich besonders überfordert gefühlt hast?
Keinen konkreten. Aber ich habe immer den Druck verspürt, dass alles funktionieren muss im Leben, ich nicht studieren konnte, keinen Tag arbeitslos sein durfte und kein normales, junges Leben führen durfte.
Welche Unterstützung hättest du dir in dieser Zeit am meisten gewünscht?
Menschen, die ich immer hätte erreichen können, um mir zu helfen. Sei es, wenn ich etwas Alltägliches erledigen musste, aber auch auf der Suche nach Rat zum Leben allgemein.
Wie bist du auf INDEPENDA aufmerksam geworden?
Da ich beim Verein Careleaver Schweiz mal im Vorstand war, durch sie.
Welche Art von Hilfe hast du konkret erhalten?
Ich habe eine Berufsberatung erhalten und anschliessend eine finanzielle Unterstützung, um eine Umschulung zu machen.
Wie hat dich diese Unterstützung in deinem Alltag verändert?
Da ich chronisch lungenkrank bin und alleine deshalb einen Berufswechsel brauchte. Es war eine sehr grosse Erleichterung, nicht mehr in einem Job arbeiten zu müssen, der mir täglich gesundheitliche Probleme bereitete.
Welche Fähigkeiten oder Stärken konntest du dadurch entwickeln?
Ich habe mehr Mut, etwas zu wagen und nicht immer den hundertprozentig sicheren Weg zu gehen. Mir ist es nun viel wichtiger, glücklicher bei der Arbeit zu sein.
Wie würdest du die Beziehung zu den Ansprechpersonen beschreiben?
Kollegial und informativ. Man half mir, wo man konnte, und kümmerte sich gut darum, dass «die Sache fürschi geht». Es war aber auch Eigeninitiative nötig.
Was würdest du anderen Careleaver:innen über diese Unterstützung sagen?
Versucht’s, was wollt Ihr verlieren? Wenn es schon endlich mal so ein Angebot für uns Careleaver gibt, dann sollten wir das auch in Anspruch nehmen.
Welche Ziele oder Träume hast du für die kommenden Jahre?
Glücklich sein, das erste Mal in die Ferien zu gehen und gesundheitlich stabil zu bleiben. Und natürlich weiterhin berufliche Zufriedenheit.
Was würdest du dir für Careleaver:innen in deiner Situation wünschen?
Den Mut zu haben, Hilfe zu suchen und diese anzunehmen. Auch wir haben Chancengleichheit verdient. Und nicht in einem Lehrberuf zu bleiben, der einen krank macht, nur weil das der sicherste Weg ist.