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13.09.2018 Aktuelles Alle Projekte & Hilfsprogramme Äthiopien Von Äthiopien in die Schweiz

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Betty hat ein Ziel. Sie will die Integration von benachteiligten Frauen und Jugendlichen in Entwicklungsländern fördern. Dazu forscht die 26-jährige Studentin für ihre Doktorarbeit an der Universität Bern. Die energiegeladene junge Frau stellt sich den Fragen über ihre Arbeit und ihren Lebensweg, der sie aus einem SOS-Kinderdorf in Äthiopien bis in die Schweiz geführt hat.

Was aus mir ohne SOS-Kinderdorf geworden wäre? Eine sehr schwierige Frage.
Kinder sind so verletzlich. Ich war ein Waisenkind, und bei der Armut und Kriminalität weiss ich nicht, ob ich überhaupt noch leben würde. Ganz bestimmt wäre ich unsichtbar geblieben. Vielleicht würde ich auf der Strasse leben, vielleicht wäre ich mit einem Boot übers Mittelmeer gekommen? Ich bin froh, nicht über diese Frage nachdenken zu müssen. Viel wichtiger ist es mir, Danke zu sagen. Ich hatte dank SOS-Kinderdorf die Gelegenheit, mein eigenes Leben zu gestalten, eine Familie, ein Zuhause, Sicherheit. Die Arbeit von SOS-Kinderdorf glaubt an die Zukunft von jungen Menschen, die nicht an sich selbst glauben. Aber alle Menschen verdienen eine Chance. SOS-Kinderdorf gibt sie ihnen

Wie ich zum Sport gekommen bin, willst du wissen?
Schon als Kind ist meine Leidenschaft für Sport erwacht. Ganz besonders für Fussball. Ich klebte am Radio oder am Bildschirm, wenn die Moderatoren die übertragenen Spiele wie verrückt kommentierten. Auf dem Sportplatz des SOS-Kinderdorfs Addis Abeba kickte ich mit meinen Brüdern. Manchmal steckte meine SOS-Mama den Brüdern etwas Kleingeld zu, damit sie mich vom Spielfeld schickten. Das sei doch kein Spiel für Mädchen, meinte sie. «Warum nicht?», entgegnete ich. Es mache mich doch glücklich. Durchs Fussballspielen konnte ich mich auflehnen, war ein bisschen Revolutionärin für die Sache der Mädchen.

Du fragst nach dem Aufwachsen im SOS-Kinderdorf Addis Abeba?
Das SOS-Kinderdorf war ein lebender Organismus. 149 Kinder auf einem Haufen, du konntest unmöglich vermeiden zu spielen. Immer war etwas los: Sportveranstaltungen, Musikgruppen, Kunstworkshops. Überall Menschen, die mich unterstützten und förderten: meine SOS-Mama, die älteren Geschwister, die Lehrer, die Mentoren. Verantwortung zu übernehmen, gehört im SOSKinderdorf von klein auf dazu. Nicht auf die harte Tour, sondern dem Alter entsprechend wächst du in deine Selbstverantwortung hinein und lernst, aus wenig viel zu machen, weil die Mittel beschränkt sind. Ich lernte, vorauszudenken: Was will ich machen, wo will ich hin? Bei so vielen Menschen im SOS-Kinderdorf sprichst du dauernd über diese Fragen. Auch in der Schule: Was sind deine Pläne fürs Semester? Bist du zufrieden mit dem, was du erreicht hast? Ganz wichtig: Hol dir Hilfe, wenn du etwas nicht kannst. So lernte ich, mich selbst zu finden.

Und wie das war mit dem selbstständig und erwachsen werden?
Schon mit 15 Jahren ging ich vom SOS-Kinderdorf weg ins SOS-College von Hawassa, auch in Äthiopien. Ich erlangte einen international anerkannten Abschluss und konnte damit ans United World College nach Swasiland. Zum ersten Mal in einem anderen Land, weit weg von zu Hause. Es war toll, das gemeinsame Lernen und Wohnen mit allen anderen Studenten auf dem Campus. Mit diesem Studium standen mir plötzlich viele Türen offen, und ich konnte dank einem weiteren Stipendium an die Universität von Indiana in den USA. Dort studierte ich Business Management, Economics, Financial Administration und Marketing. Mit dem Bachelor in der Tasche plante ich, alles bisher Gelernte in einem Masterstudium in Sportmanagement zusammenzuführen. Das absolvierte ich an der Universität von Jyväskylä in Finnland.

 

Wie es mich ausgerechnet in die Schweiz verschlagen hat?
Als ich auf der Suche nach einer Universität zum Schreiben meiner Doktorarbeit war, empfahl mir mein finnischer Tutor die Universität Bern, die Studienplätze für internationale Studenten anbietet. So kam ich im letzten Januar nach Bern. Die Winterkälte hier machte mir nichts aus. Schliesslich bin ich aus Finnland hierhergezogen.

Worum es bei meiner Forschungsarbeit in Bern geht, interessiert dich?
Mit meiner Doktorarbeit verfolge ich ein eigenes Forschungsprojekt über die soziale Integration von benachteiligten Frauen und Jugendlichen in Entwicklungsländern. Ich erforsche und will verstehen, wie Sport helfen kann, tragfähige soziale Bindungen zu schaffen. Frauen und Jugendliche sollen durch Sport Barrieren überwinden, sich in Sportklubs organisieren und ihre eigenen Netzwerke knüpfen können. Darin sind die Länder Afrikas noch sehr unterentwickelt, Frauen haben zu wenig Anteil und Stellenwert in der Gesellschaft. Dies will ich mit meiner Arbeit voranbringen. Wie können wir Projekte entwickeln? Wo ist das möglich? Finden wir Mittel und Wege, wie das zu schaffen ist? Mein Beitrag gilt den benachteiligten Frauen und Jugendlichen. Denjenigen, die man nicht sieht und die im Schatten stehen. Sport soll sie sichtbar machen und für sie eine positive Veränderung auslösen.

Woher ich meine Energie für meine Arbeit nehme? Eine gute Frage.
Mit und durch die Menschen um mich herum. Das schenkt mir das Beste von allem. Ich bin gesund, glücklich und liebe, was ich mache. Und ich höre nicht auf, zu träumen und etwas zu riskieren. Es zahlt sich aus. Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich im Alter von 26 Jahren in fünf verschiedenen Ländern gelebt haben würde, wäre meine Antwort gewesen: Meine Güte, bist du verrückt?

Was meine Zukunftspläne sind?
Gerne möchte ich nach Äthiopien zurückkehren. Langsam entwickelt sich dort das Bewusstseindafür, wie unterstützend Sport für die Entwicklung von Frauen sein kann. Es ermöglicht ihnen, ihre Talente zu erproben, Fairness zu praktizieren, Selbstbewusstsein zu erlangen, Benachteiligung zu überwinden und soziale Netzwerke aufzubauen. Gerade in armen Ländern wie Äthiopien sind Frauen und die Jugend der Schlüssel zum Erfolg. Meine Arbeit kann dazu einen Beitrag leisten.

Ob ich mich in der Schweiz schon heimisch fühle? (Lacht.)
Da ich in so vielen Ländern gelebt habe, fühle ich mich überall dort zu Hause, wo ich gerade bin. Ich versuche sofort, mir ein Zuhause aufzubauen, Freunde zu gewinnen, die Sprache zu lernen. In der Schweiz ist das etwas schwieriger als in Äthiopien. Schweizer sind wie Kokosnüsse. Willst du an das süsse Fleisch, musst du sie zuerst knacken. Äthiopier haben ein stärkeres Wirgefühl. Da gehört man viel schneller dazu. Dafür muss man sich um vieles Sorgen machen, und die Freiheiten sind für Frauen limitiert. In der Schweiz fühle ich mich viel freier und gleichzeitig geschützter. Ich darf leben, wie ich will und meinen Weg gehen. Ich hoffe, dass das in Äthiopien auch einmal so sein wird.

Nach den Gemeinsamkeiten beider Länder fragst du?
Den Menschen in unseren beiden Ländern ist etwas gemeinsam: die Grosszügigkeit. Schweizer und Äthiopier wollen die Welt besser machen. Die Menschen wollen einander helfen. Auch die Liebe zum Sport verbindet unsere Länder. Und Roger Federer kennt auch in Äthiopien jeder.

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