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30.03.2019 Aktuelles Alle Nothilfe Weitere Länder Mosambik: Die Situation ist viel schlimmer als erwartet

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Der Zyklon Idai traf Beira in der Nacht vom 14. auf den 15. März und raubte 128.000 Menschen in Mosambik das Zuhause. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 1.8 Millionen Einwohner aufgrund der Überschwemmungen Hilfe benötigen. Aus den Nachbarstaaten Malawi und Simbabwe kommen weitere Hilfesuchende hinzuZwei Kollegen voSOS-Kinderdorf berichten über die Situation in Beira vor Ort. Aílton Muchave ist der nationale Programmdirektor von SOS-Kinderdorf Mosambik. Teresa Ngigi ist Beraterin von SOS-Kinderdorf für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung. 

 Der Zyklon hinterlässt in Beira grosse Infrastrukturschäden. Die Strom- und Wasserversorgung ist zusammengebrochen und das örtliche Gesundheitsnetz besteht nicht mehr. Schulen sind geschlossen und ersten Fälle von Cholera treten auf. SOS-Kinderdorf ermittelt derzeit die Bedürfnisse von den 150 betroffenen Haushalten, die im SOS-Familienstärkungsprogramm Unterstützung erhalten. Alle Kinder im SOS-Kinderdorf Beira sind sicher und das Dorf hat nur geringe Schäden erlitten. Viele Mitarbeiter haben jedoch ihr eigenes Zuhause und geliebte Angehörige verloren.  

 Wie beschreiben Sie die Situation der Familien aus dem SOS-Familienstärkungsprogrammen? 

Teresa NgigiAlle Familien sind von diesem Sturm betroffen. Ihre Häuser sind völlig zerstört. Viele Katastrophenopfer leben in Lagern und Schulen. Wir besuchten eine der Schulen, in der rund 250 Menschen Unterschlupf fanden.. Die Situation ist wirklich schlimm. Die Opfer sind in grosser Verzweiflung und die Stimmung ist allgemein sehr angespannt.  Wir müssen eine Strategie entwickeln, wie wir die Menschen im Familienstärkungsprogramm unterstützen können. Sie brauchen dringend Hilfe beim Aufbau ihrer Häuser, damit sie wieder ein eigenes Dach über dem Kopf haben. 

Die Notunterkünfte, die wir besucht haben, sind überfülltZudem gibt es überall stehendes Gewässer. Dies sind idealeBrutplätze  für MoskitosAuch fehlt es an sanitären Anlagen mit funktionsfähigen Kanalsystemen. Menschen verrichten ihre Notdurft im Freien Das Risiko von Infektionskrankheiten wird somit erhöht.  

Sie erwähnen das Risiko von Malaria und wasserübertragenen Krankheiten. Wie  sind die Gesundheitszustände in Beira? 

Teresa Ngigi: Die gesundheitliche Situation ist schlecht und es gibt nicht genügend Kapazitäten, um die Bedürfnisse der Stadt zu befriedigen. Nur ein Krankenhaus in Beira funktioniert. Die Menschen leiden, weil es nicht genügend Behandlungen für Malaria, Cholera und andere Krankheiten gibt. Die Situation ist prekär, und sie wird sich in naher Zukunft nicht verbessern, da  Medikamente und medizinische Ausrüstung fehlen 

Wie groß ist die Gefahr von Cholera im Katastrophengebiet? 

Aílton Muchave: Wir verzeichnen derzeit schon Cholerafälle in einem Stadtviertel von Beira. Die UNO bringt 900.000 Dosen Impfstoff, aber zum jetzigen Zeitpunkt bleibt das Risiko einer Erkrankung hoch. 

Inszwischen sind zwei Wochen vergangen.Wie sind die Rahmenbedingungen für einen Wiederaufbau in Beira? 

Aílton Muchave: Die Situation ist viel schlimmer als erwartet. Es ist nicht nur notwendig, dass sich die Menschen erholen, sondern wir brauchen auch eine Strategie, um das, was zerstört ist,  wiederaufzubauen. Zudem gibt es sehr viele traumatisierte Katastrophenopfer. Eist Zeit, dass wir handeln. Dies erfordert  eine Zusammenarbeit von humanitären Organisationen, der Regierung und allen Einwohnern von Mosambik und den benachbarten Staaten.. 

Was kann SOS-Kinderdorf tun, um zu helfen? 

Teresa Ngigi: Wir prüfen sehr sorgfältig die Bedürfnisse der Familien in unseren Programmen und der Gemeinschaft. Wir wollen keine falschen Erwartungen wecken und dann die Menschen verlassen, ohne Hilfe anbieten zu können. Das ist das Schlimmste, was eine Hilfsorganisation tun kann. Wir brauchen einen guten Plan und müssen genau wissen, was wir tun werden. Die Menschen sind im Moment sehr, sehr empfindlich. 

Aílton Muchave: Es gibt drei Bereiche, die wir bisher identifiziert haben. Erstens werden einige der SOS-Grund– u. Mittelschulen vorerst als Unterkünfte genutzt. Dann bringt die Regierung  die Menschen in Notunterkünfte, die währenddessen von den Vereinten Nationen eingerichtet werden, damit wir die Schulen wieder öffnen können. Wir erwägen auch, mit Partnern zusammenzuarbeiten, um kinderfreundliche Räume für die Kinder zu schaffen, die in diesen Notunterkünften leben. Ferner prüfen wir die Bereitstellung von Lebensmittelpaketen für Familien, die Schwierigkeiten haben, zu den Lebensmittelverteilzentren zu gelangen, wie zum Beispiel Menschen, die krank sind oder kleine Kinder haben. Zudem brauchen wir dringend Unterrichtsmaterial, weil viele ihr Hab und Gut verloren haben. Wir suchen nach Lösungen, damit die Kinder so schnell wie möglich ins Klassenzimmer zurückkehren können.  

Wie gehen die Kinder mit der Situation in den Kinderdörfern um? 

Erstaunlicherweise konnten die Kinder sehr schnell ins Dorf zurückkehren. Die Erfahrung war für sie und die SOS-Mütter sehr belastendPhysisch geht es den Kindern gut, aber psychisch sind sie sehr getroffen. Sehr positiv ist, dass SOS-Kinderdorf Mosambik eines der Pilotländer für das Notfallvorsorgeprogramm ist. Dementsprechend waren wir auf eine Notsituation vorbereitet. Die Nahrungsmittelversorgung konnte aufrecht gehalten werden  Als der Wirbelsturm zuschlug, waren alle Kinder zusammen mit den SOS-Müttern.  

Wie gehen die Betreuer und das sonstige Personal mit der Situation um? 

Teresa Ngigi: 

Alle SOS-Mütter und SOS-Mitarbeiter haben ihr eigenes Zuhause, was sie folglich durch den Sturm verloren haben. Auch vermissen sie Angehörige oder beklagen Tote. Sie leiden sehr. Die Mütter waren hier im Dorf und schützten die Kinder, und gleichzeitig waren ihre leiblichen Kinder und Familien zu Hause. Es ist sehr wichtig für uns, sie beim Wiederaufbau ihrer Häuser zu unterstützen. Alle Mitarbeiter sind sehr engagiert und helfen mit, aber man sieht, dass sie leiden. 

Wie sind die Bedingungen im Dorf? 

Teresa Ngigi: 

Das Dorf ist intakt. Aber wenn man sich die Umgebung ansieht, kann man nur in Tränen ausbrechen. Es ist katastrophal. Vielen Häusern fehlen Dächer, Wände sind gerissen und entwurzelte Bäume bedecken Gebäude und Autos. Im Dorf gibt es keinen Strom und kein Wasser. Die Kinder bekommen Wasser aus einem nahegelegenen Brunnen und müssen das Wasser selbst reinigen. Glücklicherweise haben wir Nahrung, aber wir können nicht viel aufbewahren, weil es keinen Strom gibt. 

Sehen Sie Anzeichen von Hoffnung in dieser sehr tragischen Situation? 

Teresa Ngigi: 

Wir sahen einige Kinder auf dem Gelände einer beschädigten Schule spielen. Das gibt Hoffnung. Ich bin beeindruckt von der Widerstandsfähigkeit der Menschen hier. Man sieht Leute, die kleine Kioske aufstellen, und Artikel verkaufen. Das ist gut – es ist ein Zeichen dafür, dass die Menschen weitermachen wollen. Der Wille ist da, aber sie brauchen viel Unterstützung. 

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