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13.12.2019 Aktuelles Alle Projekte & Hilfsprogramme Weltweit Traumatechniken für Kinder

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Gewalt, Terror, die unmenschlichen Strapazen der Flucht: Viele Kinder, die in den Flüchtlingslagern im Nordirak leben, haben Traumatisches erlebt. SOS-Mitarbeitende bringen den Kindern Techniken bei, um die furchtbaren Erinnerungen in Schach zu halten. 

Ein Garten voll bunter Rosen

Sie rannten einfach los, es ging um Leben und Tod. Sieben Tage lief die kleine Ashtar mit 20 anderen Verwandten über die Berge, bei Temperaturen um 50 Grad. Die Sonne brannte erbarmungslos – und die Flüchtenden hatten nur eine Flasche Wasser dabei. Der Schraubverschluss diente als Minibecher, damit alle etwas bekamen. Noch schlimmer als der quälende Durst war die Todesangst: IS-Kämpfer griffen an, sie entkamen nur mit knapper Not. «Ich habe die IS-Männer in den Bergen erlebt», erzählt Ashtar.

«Immer wenn ich danach einen Mann mit Bart gesehen habe, bekam ich Panik.»Ashtar

SOS-Mitarbeitende zeigten ihr Techniken, wie sie die Flashbacks und Panikattacken überwinden konnte: Ashtar schliesst ihre Augen und stellt sich vor, wie sie mit ihrer Familie in einem Garten voll bunter Rosen sitzt. Dieser Garten ist ihr Ort der Sicherheit. An diesen imaginären Ort geht Ashtar immer dann, wenn die schrecklichen Erinnerungen an die Flucht hoch-kommen.

 

Die Bilder im Kopf ausschalten

Mit der «Fernseher-Technik» schafft es der dreizehn-jährige Malik, das Bild auszuschalten, das ihn auch noch vier Jahre nach der Flucht aus seinem Dorf immer wieder verfolgt: ein Kind, das er in den Wirren der Flucht durch die Tür eines brennenden Hauses sah. Immer, wenn die schreckliche Erinnerung in ihm hochkommt, stellt er sich vor, seine Hand sei ein Fernseher, in der er die Szene sieht. Dann schaltet er den imaginären Apparat auf ein anderes Programm um und ruft sich die Bilder ins Gedächtnis, als er und seine Familie im Camp eintrafen und Spielzeug an die Kinder verteilt wurde.

 

SOS-Mitarbeitende bringen den Kindern Techniken bei, um die furchtbaren Erinnerungen in Schach zu halten. 

SOS-Mitarbeitende bringen den Kindern Techniken bei, um die furchtbaren Erinnerungen in Schach zu halten.

 

Die Angst wegzaubern

Alimusste als Neunjähriger auf der Flucht erle-ben, wie er mit seiner Familie von Kämpfern verfolgt und sein Onkel getötet wurde. Als der Junge im Flüchtlingslager ankam, litt er unter starken Schmerzen und konnte seine Arme und Beine nicht mehr bewegen. Keiner der Ärzte konnte körperliche Ursachen dafür feststellen – Auslöser war das Trauma, das der Junge erlitten hatte.

«Der Schmerz kam früher häufig wieder. Heute nur noch selten.»Ali

«Wenn es wieder anfängt, strecke ich meine Hand aus und stelle mir vor, dass ich meine Gedanken auf meine Hand lege. Dann schliesse ich langsam die Hand und lasse die Gedanken darin verschwinden, wie ein Zauberer.» Auch Alis Eltern haben an den Kursen teilgenommen und gelernt, wie sie ihr Kind verstehen und unterstützen können.

 

Kinder und Erwachsene, die Unvorstellbares erlebt haben, brauchen Hilfe bei der Bewältigung.

Kinder und Erwachsene, die Unvorstellbares erlebt haben, brauchen Hilfe bei der Bewältigung.

 

Was ist ein Trauma?

Ein Trauma entsteht unter existentiell bedrohlichen Umständen, wie z. B. bei massiver Gewalt, Krankheit oder einem tragischen Verlust. In einer traumatischen Situation erfahren Betroffene die eigene Hilflosigkeit und durchleben panische Angst.Die Erfahrung ist für Betroffene so unerträglich, dass sie emotional nicht zu verarbeiten ist. Als Überlebensmechanismus spaltet die Psyche das Erlebte ab und es wird verdrängt. So sind sich Betroffene im Erwachsenen-alter oft dieser Situation nicht mehr bewusst, reagieren dennoch bei Aus-lösern (Trigger) teilweise bis starkaffektiv. Bei Traumatisierungen im Kindes-alter kommt hinzu, dass Kinder belastende Situationen kognitiv weniger gut bewältigen können. Je jünger das Kind, desto schlimmer sind die Folgen. Ohne angemessene therapeu-tische Unterstützung treten Panik und Hilflosigkeit zeitlebens immer wieder auf.

So helfen wir im Nordirak

Kinder und Erwachsene, die Unvorstellbares erlebt haben, brauchen Hilfe bei der Bewältigung. Ohne diese Unterstützung droht dem Nordirak eine verlorene Generation. Nach der IS-Offensive gegen die Ge-meinde Sinjar im Jahre 2014 wurden tausende Familien in die kurdische Region des Iraks vertrieben. Die Interventionen von SOS-Kinderdorf konzentrieren sich auf die psychische Gesundheit schwer traumatisierter Kinder und deren Familien.

•Traumabehandlung von 800 Kindernund Jugendlichen: Schwer traumatisierte IS-Opfer erlernen verschiedene Techniken, mit denen sie die Kontrolle über ihre Gedanken, Emotionen und Reaktionen zurückerlangen. Kinder werden über mehrere Monate intensiv betreut und begleitet.

•Schulung lokaler Freiwilliger zu Be-gleitern, die Kindern wirksam helfen können, ihre schrecklichen Erlebnisse zu bewältigen.

•Weiterbildung von 20 irakischen Psychologen in Traumatherapie bei Kindern.

•Berufsausbildung für 300 jesidische Mütter und junge Frauen: Witwen, die ihre Männer im Krieg verloren haben, erhalten so eine neue Perspektive und ein Einkommen.

•Spieltherapeutische Aktivitäten, die Gemeinschaftsgefühl, Toleranz und Kommunikation der Kinder fördern: Eine SOS-Kita bietet Mädchen und Jungen im Flüchtlingscamp einen Ort zum Spielen und Lernen. Sie können dort Normalität erfahren und einfach Kind sein.

 

Die Interventionen von SOS-Kinderdorf konzentrieren sich auf die psychische Gesundheit schwer traumatisierter Kinder und deren Familien.

Die Interventionen von SOS-Kinderdorf konzentrieren sich auf die psychische Gesundheit schwer traumatisierter Kinder und deren Familien.