Barrieren abbauen

14.10.2026 Bildung, Gesundheit

In Shashemene, Äthiopien, leben viele Kinder mit Behinderungen im Verborgenen. Aus Angst, Scham oder purer Not halten manche Familien ihre Kinder zu Hause. Besonders gehörlose Kinder und Jugendliche wie der 18-jährige Sima sind im Alltag grossen Gefahren ausgesetzt. Sie hören weder herannahende Fahrzeuge noch Warnrufe auf der Strasse. Für viele scheint der Weg in ein selbstbestimmtes Leben unerreichbar. Um diesen Weg zu ermöglichen, fördert SOS-Kinderdorf Schweiz inklusive Schulen.

Wenn die 34-jährige Lehrerin Ayantu morgens durch die belebten Strassen von Shashamene zur Schule aufbricht, weiss sie nie genau, wie viele Kinder an diesem Tag im Unterricht sitzen werden. Einige legen weite Wege aus den umliegenden Dörfern zurück, andere stammen aus Familien, die kaum genug Geld für Schulmaterial oder den Transport aufbringen können. Viele ihrer Schüler:innen leben zudem mit einer Behinderung und haben deshalb oft zusätzliche Hürden zu überwinden. 

Seit acht Jahren unterrichtet Ayantu Gebärdensprache und andere Fächer an einer Schule, die sich auf die Förderung gehörloser Kinder spezialisiert hat. Doch ihre Arbeit beginnt häufig lange vor Unterrichtsbeginn. Gemeinsam mit ihrem Team besucht sie Familien in abgelegenen Gemeinden rund um Shashamene, sucht nach Kindern mit Behinderungen und spricht mit ihren Eltern. Viele Familien sind verunsichert oder fühlen sich mit der Situation allein gelassen. Manche verstecken ihre Kinder sogar zu Hause, weil sie nicht glauben, dass Bildung für sie möglich ist. Geduldig erklärt Ayantu, welche Chancen Schule und Ausbildung eröffnen können. Immer wieder gelingt es ihr, Eltern zu überzeugen und Kindern den Weg in die Schule zu ermöglichen.

Dieses Projekt hilft, folgendes UN-Nachhaltigkeitsziel zu erreichen:

SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen

Einer dieser Schüler ist Sima. Der 18-Jährige ist gehörlos und besucht heute die siebte Klasse. Lange Zeit schien eine gute Ausbildung für ihn ausser Reichweite. Seine Familie lebt weit entfernt von der Stadt, und die finanziellen Mittel reichten kaum aus, um Lernmaterialien, Transportkosten oder die zusätzliche Unterstützung zu bezahlen, die Sima benötigte. Sein Schulbesuch war deshalb unregelmässig. Oft blieb er zu Hause. Wenn er am Unterricht teilnehmen konnte, fiel es ihm schwer, dem Geschehen zu folgen und sich mit anderen auszutauschen. «Ich fühlte mich oft zurückgelassen», erinnert sich Sima. Während seine Mitschüler:innen lernten und Fortschritte machten, kämpfte er mit den Hindernissen des Alltags und verlor zeitweise das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten. Auch seine Eltern machten sich grosse Sorgen um seine Zukunft. Bildung war ihnen immer wichtig, doch sie wussten nicht, wie sie ihrem Sohn die Unterstützung ermöglichen sollten, die er brauchte. Seit Mitte 2025 hat sich Simas Leben grundlegend verändert.

Dank der Unterstützung durch ein Projekt von SOS-Kinderdorf Schweiz konnte er an eine Schule wechseln, die gezielt auf die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderungen eingeht. Die dort unterrichtenden Lehrpersonen wurden in inklusiver Bildung und Gebärdensprache geschult, zudem erhält Sima Unterstützung bei den Transportkosten und Nachhilfeunterricht. Für ihn bedeutete dies einen Neuanfang. Zum ersten Mal wurden Barrieren abgebaut, die ihn jahrelang ausgebremst hatten. «Das hat mir Hoffnung gegeben und mich motiviert», erzählt er. «Jetzt kann ich dem Unterricht besser folgen und aktiver teilnehmen.» Auch Ayantu erlebt täglich, wie viel sich verändert, wenn Kinder die richtige Unterstützung erhalten. In ihrem Klassenzimmer lernen sie nicht nur lesen, schreiben und kommunizieren. Sie entwickeln Selbstvertrauen und beginnen, an ihre Zukunft zu glauben. Einige ehemalige Schüler:innen haben die Schule bereits erfolgreich abgeschlossen. Einer von ihnen arbeitet heute selbst als gehörloser Lehrer. 

Die Fortschritte von Sima zeigen, wie wichtig diese Chancen sind. Er besucht die Schule inzwischen regelmässig, seine Leistungen haben sich verbessert, und er ist deutlich selbstbewusster geworden. Besonders freut seine Eltern, dass ihr Sohn heute mit Zuversicht über seine Zukunft spricht. Ausserdem hat er neue Freunde gefunden, fühlt sich stärker in die Schulgemeinschaft eingebunden und beteiligt sich aktiv am Unterricht. «Ich bin froh, dass ich meine Ausbildung nicht aufgegeben habe», sagt Sima. «Heute blicke ich viel hoffnungsvoller in die Zukunft.» Sein grösster Traum ist es, Arzt zu werden. Er möchte Menschen helfen und insbesondere jene unterstützen, die ähnliche Herausforderungen erleben wie er selbst. Für ihn ist Bildung der Schlüssel dorthin. 

Sima ist nicht der Einzige. In Shashamene und den umliegenden Gemeinden leben viele Kinder mit Behinderungen, die Gefahr laufen, von Bildung ausgeschlossen zu werden. Armut, fehlende Akzeptanz und mangelnde Unterstützung erschweren ihren Alltag. Dieser Herausforderung begegnet SOS-Kinderdorf Schweiz mit der Arbeit vor Ort. Durch die Förderung inklusiver Bildung erhalten Kinder Zugang zu Schulen, Lernmaterialien, Nachhilfe und individueller Begleitung. Gleichzeitig werden Lehrpersonen geschult und Familien sensibilisiert, damit Kinder mit Behinderungen nicht länger am Rand stehen, sondern selbstverständlich Teil der Gemeinschaft werden. Für Ayantu ist das der wichtigste Erfolg ihrer Arbeit. Sie ist überzeugt, dass ihre Schüler:innen alles mitbringen, um ihren eigenen Weg zu gehen. «Sie sind sehr fähig und intelligent», sagt sie. «Sie brauchen nur Aufmerksamkeit und eine Chance.» Und Sima möchte diese Chance nutzen. Anderen Kindern mit Behinderungen gibt er deshalb eine einfache Botschaft mit auf den Weg: «Gebt die Schule nicht auf. Glaubt an eure Fähigkeiten. Auch wenn es schwierig ist, Bildung eröffnet Möglichkeiten und hilft euch, eine bessere Zukunft aufzubauen.»

Ihre Spende ermöglicht die Unterstützung unserer Arbeit in Äthiopien und vieler anderer Projekte, die Kindern und ihren Familien zugutekommen.

Gut zu wissen

  • Die Gebärdensprache ist sehr vielseitig. Sie unterscheidet sich von Land zu Land, und es gibt auch Dialekte und Jugendslang. So gibt es Gebärden, die nur von jungen, aber nicht älteren Menschen genutzt werden.
  • Nicht alle Gehörlosen können Lippenlesen. Die Fähigkeit ist höchst anspruchsvoll, da viele Klänge auf den Lippen sehr ähnlich aussehen.
  • Weltweit ist etwa eine unter 1’000 Personen gehörlos.
  • Das Fingeralphabet ist wichtig, wenn bestimmte Gebärden nicht bekannt sind und beteiligte Personen auf das Buchstabieren zurückgreifen müssen.
Sima gebärdet während des Unterrichts.

Inhaltsverantwortlich:

David Becker

Content Manager

Teilen

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren

Andere

«Gesundheit ist ein Wunder»

Äthiopien

Spendenorganisation: Wie SOS-Kinderdorf Schweiz arbeitet

Äthiopien

Kinderarbeit stoppen: Ursachen, Folgen und Lösungen

Äthiopien

Hunger weicht Hoffnung

Nepal

Mehr als nur ein Mittagessen

Andere

Effektiv spenden