In Angola ist Schulbildung immer noch nicht selbstverständlich

Die siebenjährige Arli aus dem SOS-Kinderdorf Benguela in Angola ist ein Wirbelwind. Sie rennt zum Schulhaus, tobt sich stundenlang draussen aus und geht mit Begeisterung zur Schule. Trotz ihrer leichten Behinderung besucht sie die reguläre Klasse in der SOS-Hermann- Gmeiner-Schule.

Arli war gerade anderthalbjährig, als sie zusammen mit ihrer um ein Jahr jüngeren Schwester Catie ins SOS-Kinderdorf Benguela kam. Ihre Mutter war an Alkoholmissbrauch gestorben und ihr geistig behinderter Vater war bereits verschollen, als ihre Schwester Catie geboren wurde. Arlis Familienhintergrund ist typisch für viele Kinder in Angola: Alkoholmissbrauch und Behinderungen durch Mangelernährung und schlechtes Wasser sind häufig, die vielen allein erziehenden Mütter oft krank oder überfordert.

60 Prozent der Kinder im SOS-Kinderdorf Benguela sind Vollwaisen. Der Rest sind Kinder, deren Eltern spurlos verschwanden. Die soziale Situation des Landes ist bis heute vom 27 Jahre dauernden Bürgerkrieg gezeichnet, der 2002 zu Ende ging. In dieser Zeit kamen 1,5 Millionen Menschen um, wurden 100'000 Kinder von ihren Familien getrennt, und laut Regierungsangaben verloren 700 000 Kinder mindestens einen Elternteil. Zurzeit gibt es 1,2 Millionen Waisen in Angola.

Verantwortung übernehmen

 

Arli mit ihrer SOS-Kinderdorfmutter Estrela.
Arli mit ihrer SOS-Kinderdorfmutter Estrela.
Durch Sauerstoffmangel bei der Geburt und Unterernährung als Baby leidet Arli an einer leichten geistigen Behinderung und hat Mühe beim Sprechen. Doch davon lässt sich die quirlige Zweitklässlerin, die mit neun Geschwistern bei der SOS-Kinderdorfmutter Estrela lebt, nicht unterkriegen. Sie lacht viel, liebt es, draussen herumzutoben, und fragt ihren älteren Schwestern und Brüdern Löcher in den Bauch, während diese ihr bei den Hausaufgaben helfen. «Ich mache gerne Hausaufgaben, weil ich dabei von meinen älteren Geschwistern viel lernen kann», sagt sie.

SOS-Kinderdorfmutter Estrela nimmt die Verantwortung gegenüber ihren Kindern sehr ernst. Sie hatte bereits eigene erwachsene Kinder, als sie sich entschied, als SOS-Kinderdorfmutter noch einmal für Kinder da zu sein: «Mein Beruf ist zugleich Berufung – gerade im schwierigen Umfeld Angolas», sagt sie. Sie betont, wie wichtig es sei, für sich selbst zu Verantwortung zu übernehmen. «Wer das nicht kann, ist verloren», sagt die stämmige Frau, die ihren zehn Kindern klare Regeln setzt und ihnen zugleich viel Liebe und Geborgenheit schenkt. Dazu gehört auch, dass sie Arli dazu ermuntert, sich nicht von ihrer Behinderung zurückbinden zu lassen.

Gute Schulen sind rar

Arli geht gerne in die SOS-Hermann-Gmeiner-Schule, die nur 300 Meter von ihrem Haus entfernt liegt. Meist rennt sie diese kurze Distanz in ihrer schmucken Schuluniform oder spielt mit ihren Freundinnen Fangen und Verstecken. 700 Kinder aus dem SOS-Kinderdorf und aus der Umgebung besuchen in dieser Primarschule die erste bis neunte Klasse. Die Klassenzimmer sind zweckmässig eingerichtet und pro Klasse hat es 40 Kinder.

Die Grösse der Klassen ist eine Herausforderung für die Lehrerinnen und Lehrer. Doch gute Schulen und qualifiziertes Lehrpersonal sind rar in dem Land, dessen Infrastruktur nach dem langen Bürgerkrieg immer noch im Argen liegt. Während des Krieges waren mehr als 5000 Schulen zerstört worden und bis heute haben viele Kinder keinerlei Zugang zu Schulbildung. Zwar floriert Angolas Wirtschaft dank dem riesigen Ölvorkommen vor der Küste und der Förderung von Rohdiamanten. Doch 41 Prozent der 13 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Kein Wunder also, gehen nur 56 Prozent der Kinder im Primarschulalter zur Schule.

Trotz der vielen Schülerinnen und Schüler versuchen die Lehrer in der SOS-Hermann-Gmeiner-Schule, sich Zeit für die einzelnen Kinder zu nehmen. Arlis Lehrerin, Maria dos Santos, ermuntert das Mädchen immer wieder, sich zu melden, auch wenn Arli Mühe hat, sich vor der Klasse auszudrücken. Die fröhliche Siebenjährige sagt schelmisch: «Am Anfang hatte ich in der Schule Angst vor der Lehrerin, weil ich nicht so gut sprechen kann. Doch jetzt melde ich mich immer mehr.»