Wissen im Dienste Afrikas

Seit über 20 Jahren gibt es das Hermann Gmeiner International College im ghanaischen Tema. Hier können Studentinnen und Studenten aus ganz Afrika einen internationalen Abschluss erwerben und weltweit studieren. Zwei davon sind Itumeleng Ralebitso aus Lesotho und Dodzi Lithur aus Ghana.

Itumeleng Ralebitso wuchs im SOS-Kinderdorf Maseru in Lesotho auf und wurde bereits früh gefördert. Nach dem Abschluss in College von SOS-Kinderdorf in Ghana wird sie mit dem Studium beginnen.

«Ich bin so schlecht», seufzt Itumeleng Ralebitso, wie es nur Mädchen können, für die eine Fünf bereits eine enttäuschende Note ist. Heute ist der Tag der Wahrheit am Hermann Gmeiner College im ghanaischen Tema, denn heute erhalten die über 320 Studentinnen und Studenten die Resultate ihrer Semesterprüfungen.

Mathematiklehrerin Margaret Hatchfull geht mit allen jede Frage durch und erklärt die gemachten Fehler. Dabei nehmen die Studentinnen und Studenten aktiv am Unterricht teil. Statt an den Pulten zu sitzen, stehen die Schüler an der Wandtafel und diskutieren untereinander die Resultate. Natürlich versuchen die Studenten – wie überall auf der Welt – bei der Lehrerin eine bessere Note herauszuholen. Allen voran Chiko. Es gelingt ihr sogar, ein paar Punkte dazuzugewinnen, für eine bessere Note reicht es aber nicht. «Das Leben ist unfair», schmollt die 19-Jährige.

Ja, das Leben kann unfair sein. Das weiss auch Itumeleng, welche sich heute mit der Note 5 begnügen muss. Es gibt Schlimmeres: Ihre Mutter starb als sie elf Jahre alt war. Itumeleng wuchs im SOS-Kinderdorf Maseru in Lesotho auf. Hier fand sie ein neues Zuhause und eine liebevolle Familie. Schnell zeigte sich, dass das aufgeweckte und fröhliche Mädchen eine sehr gute Schülerin ist, welche gefördert werden muss.

Schritt ins Ungewisse


Als Itumeleng 16 war, schaffte sie die Aufnahmeprüfung für das Hermann Gmeiner International College im ghanaischen Tema. Ein neues Land am anderen Ende von Afrika, fremde Menschen und der Wegzug von der Familie – all das war ein grosser Schritt für die heute 19-Jährige. «Der Anfang war nicht einfach, aber ich fühlte mich hier sehr schnell Zuhause und gut aufgehoben.»

Dies alles ist nun drei Jahre her. Itumeleng steht kurz vor dem Abschluss. Leider wird ihre SOS-Kinderdorf-Mutter dies nicht mehr erleben, sie starb vor ein paar Wochen. Eben, das Leben kann unfair sein. «Ich habe aber noch meine Geschwister im SOS-Kinderdorf, sie bedeuten mir sehr viel und geben mir Halt.» Hier im College hat Itumeleng viele Freundinnen und Freunde gewonnen, die ihr in dieser Zeit beistehen. «Tumi», wie sie ihre Freundinnen nennen, ist beliebt.

Das Hermann Gmeiner International College wird von Studentinnen und Studenten von SOS-Kinderdörfern aus ganz Afrika besucht. Zudem steht das College auch Schülern aus Ghana offen, die nicht in einem SOS-Kinderdorf aufwuchsen. In der Mittel- und Oberschicht ist das College sehr beliebt, denn die Schule ist eine der besten in ganz Afrika und mit dem internationalen Abschluss kann an fast jeder Universität der Welt studiert werden.

Schulleiter Titi Ofei gründete das College vor 20 Jahren mit Margaret Nkrumah.

 

Afrika weiterbringen


Auf den guten Ruf ist auch die Mitgründerin des Colleges, Dr. Margaret Nkrumah, stolz. Das College bietet den Studenten nicht nur eine ausgezeichnete Ausbildung, es ist auch eine grosse Motivation für die Kinder in den SOS-Kinderdörfern Afrikas. «Als wir das College vor über 20 Jahren gründeten, waren die Schüler in den SOS-Kinderdörfern fast immer die schlechtesten ihrer Klasse. Sie wuchsen zwar in einer liebevollen Umgebung auf, hatten aber oft keinen Antrieb, etwas Ausserordenliches zu leisten.» Seit es diese Schule gibt, hat sich das in ganz Afrika geändert. Die Kinder aus den SOS-Kinderdörfern gehören zu den Besten ihrer Klasse. «Das College hilft also auch den Schülern, die es nicht besuchen können», ist sich die 75-jährige Ghanaerin überzeugt. Für Margaret Nkrumah leistet das College echte Entwicklungsarbeit. «Entwicklung geschieht immer über Individuen, die etwas bewegen wollen. Wir bilden hier junge Menschen aus, die selbstbewusst sind und ihr Land weiterbringen wollen.»

Einer dieser selbstbewussten jungen Menschen ist der 18-jährige Dodzi Lithur. Er kommt aus einer ghanaischen Mittelklassefamilie und ist mit Itumeleng im Abschlussjahr. Er debattiert leidenschaftlich in den Literaturstunden. Der Stoff ist abwechslungsreich und anspruchsvoll. Heute werden die Rollen von Othello u nd Hamlet diskutiert. Die Studenten machen engagiert mit. Wenn nicht, werden sie vom energischen Klassenlehrer James Esidjan lautstark dazu ermahnt: «Klasse, seid ihr da? Macht ihr Notizen? Ich kann euch nicht hören!»

Trotz seiner Liebe zur Literatur möchte Dodzi in England Recht studieren. «Viele wollen in die USA, ich aber bevorzuge England. Das dortige Rechtssystem ist dem unsrigen ähnlich, es wird mir also möglich sein, nach dem Studium hier in Ghana Anwalt zu werden», erklärt Dodzi. Genau dies ist die Grundidee des Colleges. «Wissen im Dienste Afrikas» lautet das Motto der Schule. «Wir möchten, dass die Studenten nach ihrem Studium in ihr Land zurückkehren, um etwas zu bewegen», erklärt Schulleiter Titi Ofei.

Ganzheitliche Ausbildung


Wichtig ist dem Schulleiter, dass die Studenten eine ganzheitliche Ausbildung erhalten. Neben Englisch, Mathematik, Wirtschaft oder Naturwissenschaften stehen auch gemeinnützige Projekte auf dem Stundenplan: So renovierten die Studentinnen und Studenten eine alte Schule in einem kleinen Dorf in der Nähe von Thema

Itumeleng interessiert sich für Psychologie. Auch sie würde gerne im Ausland studieren.  Deshalb informiert sie sich nach Unterrichtsschluss und ihrer Klavierstunde in der Bibliothek über ihre Möglichkeiten. Am liebsten würde sie in Kanada studieren. Der Grund dafür ist klar: «Kanada erinnert mich an meine Heimat Lesotho – Berge und Schnee!»