Geschwister gehören zusammen

Haddy Njie Touray hat viel Erfahrung mit Geschwistern. Selber im SOS-Kinderdorf Bakoteh in Gambia aufgewachsen, ist sie inzwischen Dorfdirektorin geworden. Sie findet, das innige Band zwischen Brüdern und Schwestern könne gar nicht überschätzt und müsse deshalb von klein auf gefördert werden.


Haddy Njie Touray, Dorfdirektorin des SOS-Kinderdorfs Bakoteh in Gambia fühlt sich für jedes Kind im Dorf verantwortlich

Da Haddy Njie Touray selber im SOS-Kinderdorf Bakoteh aufgewachsen ist, betrachten sie viele der Kinder als Schwester. Jemand, der sie versteht und weiss, was sie brauchen und was sie durchleben. Die Dorfdirektorin freut sich über das Vertrauen der Kinder und der SOS-Kinderdorf-Mütter, die ihr gerne ihre Probleme und Schwierigkeiten anvertrauen – von Frau zu Frau sozusagen. So ist es leichter für sie, das Kinderdorf zu führen. «Ich fühle mich den Kindern sehr nahe. Sie sind alle meine Brüder und Schwester, aber ich versuche, eine Linie zwischen meiner Arbeit und meiner Zuneigung zu ihnen zu ziehen. Damit verhindere ich, dass meine Gefühle meine Verantwortung als Dorfdirektorin überlagern», sagt sie.

Enge Beziehungen pflegen

Eines der wichtigsten Themen ist für Haddy Njie Touray die Beziehung der Geschwister, da in der alternativen Pflege nicht nur biologische Geschwister zusammen aufwachsen. «Damit eine Geschwisterbeziehung einmalig und anhaltend ist, muss sie von früh an unterstützt und gepflegt werden», betont die 43-Jährige. «Die Kinder in den Familienhäusern der SOS-Kinderdörfer haben eine spezielle Rolle im Leben ihrer Schwestern und Brüder. Sie wachsen im selben Haus auf, teilen dieselben Erlebnisse und beeinflussen sich gegenseitig.» Sie sieht oft, wie ältere Kinder die jüngeren beschützen und eine Elternfunktion einnehmen oder wie die Jüngeren ihre älteren Geschwister nachahmen.

 


Eine innige Beziehung zu den eigenen Brüdern und Schwestern gibt Kindern Halt und Geborgenheit.
Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei biologischen Geschwistern. Deshalb ist es für die Dorfleiterin sehr wichtig, dass Kinder aus dem gleichen Elternhaus zusammen aufwachsen können – eine Politik, die SOS-Kinderdorf seit je vertritt. Oft werden Geschwister, die vorher an verschiedenen Orten fremdbetreut wurden, in einem SOS-Kinderdorf wieder zusammengeführt.

«Bereits vom ersten Tag an, an dem die Kinder in unser Dorf kommen, stehen sie füreinander ein und beschützen sich. Konflikte gibt es kaum und wenn, dann können sie schnell beigelegt werden. Dieses Verhalten hängt sicherlich damit zusammen, dass ihre Eltern nicht mehr für sie da sind», ist Haddy Njie Touray überzeugt.

Kinder gleich behandeln

Die engagierte Dorfdirektorin sieht auch klar, wo es Schwierigkeiten gibt. Wenn die Kinder älter werden, kommen neue Faktoren hinzu: der Umgang mit der SOS-Kinderdorf-Mutter, das Alter, das Geschlecht, Einflüsse von aussen und natürlich die Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes. «Oft sind Geschwister eifersüchtig aufeinander und buhlen um die Aufmerksamkeit der Mutter. Aber das ist normal und gehört zum Erwachsenwerden», sagt Haddy Njie Touray.

Eine andere Schwierigkeit ist, dass biologische Geschwister, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, oft stark aneinander kleben. «Wenn Geschwister zu fest voneinander abhängig sind, haben sie oft Mühe, selbstständig etwas zu unternehmen oder Initiative zu zeigen», erklärt sie.

Für Haddy Njie Touray ist es wichtig, dass die SOS-Kinderdorf-Mütter und die Jugendarbeiter sorgfältig mit biologischen Geschwistern umgehen, um das starke Band zwischen ihnen nicht zu zerstören. «Entscheidend ist, sie gleich zu behandeln», betont sie. Wenn die Mutter sich auf eine Seite schlagen müsse, sei es wichtig, dass sie den Kindern genau erkläre, wieso sie Partei ergreife. «Es hat auch keinen Platz für Doppelstandards. Alle müssen sich an die Familienregeln halten.»

Ein liebevolles Zuhause

Am wichtigsten ist jedoch, dass die Kinder in einem förderlichen Familienklima aufwachsen, in einem liebevollen, warmen und behüteten Zuhause. Hier können sie den Umgang mit ihren Geschwistern lernen, sich als Brüder und Schwester erfahren und Glücksmomente erleben oder Konflikte austragen. «Wenn wir als Betreuungspersonen den Kindern ein stabiles, gesundes Umfeld geben, können sie körperlich, geistig, emotional und schulisch gedeihen. So können sie später Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen», ist Haddy Njie Touray überzeugt.

Um dieses professionell anspruchsvolle Umfeld bieten zu können, legt sie grossen Wert auf die Aus- und Weiterbildung der SOS-Kinderdorf-Mütter sowie der Jugend- und Sozialarbeiter. Zudem ist ihr gutes Teamwork wichtig: «Wir müssen als Team funktionieren. Zum Wohl der Kinder, die uns anvertraut worden sind.»